
Normandie, Stalingrad, der Pazifik – seit Jahrzehnten spielen sich WWII-Shooter fast ausschließlich an denselben Schauplätzen ab. The Defiant von Publisher 4Divinity und Entwicklerstudio Hoothanes bricht mit dieser Tradition und führt uns stattdessen an den chinesischen Kriegsschauplatz des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges. Ich konnte die rund 15-minütige Demo auf der Gamescom anspielen – und war überrascht, wie sehr mich das Spiel an die goldenen Zeiten von Call of Duty und Medal of Honor erinnert hat.
Während des gamescom Opening Night Live präsentierten Publisher 4Divinity und Entwicklerstudio Hoothanes offiziell einen neuen Gameplay-Trailer zu The Defiant, der Kämpfe, Infiltration und Aufklärung zeigt. Passend dazu konnten Besucher vom 26. bis 30. August in Halle 7, Stand B021, selbst eine rund 15-minütige spielbare Demo ausprobieren. Genau diese Gelegenheit habe ich am Donnerstag genutzt.
Ein Kriegsschauplatz, den die Branche 30 Jahre lang ignoriert hat
The Defiant ist ein cineastischer Ego-Shooter, der während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges spielt und die Spieler an einen Schauplatz führt, der in modernen FPS praktisch nie vorkommt: den chinesischen Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkriegs. Damit trifft das Spiel einen wunden Punkt des Genres. Medal of Honor landete 1999 in der Normandie, Call of Duty eroberte sie 2003, Wolfenstein war schon vorher da – und seither hangeln sich hunderte Titel und Dutzende Franchise-Ableger durch dieselbe Handvoll Schauplätze: Omaha Beach, Stalingrad, die Pazifikinseln, Nordafrika.
Chinas Krieg gegen die japanische Besatzung fand zur gleichen Zeit statt, blieb im westlichen Kriegsspiel-Kanon aber fast vollständig unsichtbar. Zwischen 1937 und 1945 besetzten japanische Truppen weite Teile Chinas, begingen das Massaker von Nanking und setzten wiederholt chemische Waffen gegen die Zivilbevölkerung ein. Die chinesischen Opferzahlen werden auf 15 bis 20 Millionen Menschen geschätzt, größtenteils Zivilisten. Trotzdem hat es bislang schlicht kein westliches Studio für nötig befunden, diesen Schauplatz in großem Maßstab umzusetzen.
Genau diese Lücke will Hoothanes schließen. Das 2023 im chinesischen Hangzhou gegründete Studio hat The Defiant als sein Gründungsprojekt ins Leben gerufen – mittlerweile arbeiten rund 70 Entwickler daran. Studio-Mitgründer Kong Yuheng erklärte gegenüber der Presse, er sei selbst großer FPS-Fan, habe aber kaum ein WWII-Spiel gefunden, das den Krieg in China thematisiert – woraufhin er beschloss, genau das selbst zu ändern.

Meine Eindrücke aus der Demo
So viel zur Vorgeschichte – wie spielt sich das Ganze aber tatsächlich? Kurz gesagt: hervorragend. Das Gunplay ist beeindruckend, das Sounddesign ebenfalls stark. Die Ästhetik erinnerte mich sofort an alte Call-of-Duty- oder Medal-of-Honor-Teile, allen voran der klassische Questmarker, der mich direkt in die frühen 2000er zurückversetzte. Trotzdem muss sich The Defiant vor modernen Shootern nicht verstecken – im Gegenteil: Gerade weil das Spiel bewusst auf die alten Tugenden der Genre-Anfänge setzt, fühlte ich mich direkt an die besten Zeiten mit Call of Duty und vor allem mit den mittlerweile eingestellten Medal-of-Honor-Spielen erinnert.
In der angespielten Demo ging es durch einen winterlichen Abschnitt, der ausgesprochen gut inszeniert war. Ähnlich wie in modernen Call-of-Duty-Ablegern wechseln sich aufwendig produzierte Zwischensequenzen mit klassischen Gameplay-Passagen ab. Die rund 15 Minuten gaben dabei nur einen sehr kleinen Ausblick auf das finale Produkt, das laut Aussage des Entwicklerteams vor Ort 2027 für PC, PlayStation 5 und Xbox Series S/X erscheinen soll – ein offizieller Termin steht allerdings noch nicht fest.

Vier Jahreszeiten, vier Kriege, eine Kampagne
Was mich im Nachgang besonders neugierig gemacht hat: Laut Entwicklerteam soll sich die Geschichte im finalen Spiel über ein ganzes Jahr erstrecken. Wir übernehmen dabei unterschiedliche Soldaten und erleben den Krieg zu allen Jahreszeiten an verschiedensten Schauplätzen – während der Sommer-Abschnitt uns laut Gesprächsangabe unter anderem in eine Stadt wie Shenzhen führen soll.
Das deckt sich mit dem, was ich zur Struktur des Spiels recherchieren konnte: The Defiant erzählt keine einzelne, lineare Heldengeschichte, sondern ist als Anthologie aus vier Kapiteln angelegt, die jeweils in einer anderen Jahreszeit, einer anderen Region Chinas und bei einer anderen Einheit des Widerstands spielen.
- Winter: Die verschneiten Berge im Nordosten Chinas, wo wir Teil der Nordost-Antijapanischen Vereinigten Armee sind – jener Truppe, die nach der japanischen Invasion der Mandschurei 1931 bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad ums Überleben kämpfte. Genau diesen Abschnitt konnte ich in der Gamescom-Demo anspielen.
- Frühling: Ein Rollentausch als verdeckter Informant im besetzten Shanghai des Jahres 1932, geprägt von Spionage, Sabotage und urbaner Intrige in den Gassen einer der glamourösesten und gefährlichsten Städte Asiens jener Zeit.
- Sommer: Ein spürbar helleres Kapitel, das lokale Widerstandskämpfer durch Kanalgefechte führt.
- Herbst: Der Abschluss der Kampagne in den Taihang-Bergen, wo die kommunistisch geführte Achte Marscharmee ihren Guerilla- und Sabotagekampf gegen die japanische Besatzung führte.
Insgesamt soll die vollständige Kampagne dabei auf 12 bis 15 Stunden Spielzeit kommen, umgerechnet also etwa drei Stunden pro Kapitel. Eine Koop-Option sowie zusätzliche Karten sind laut Entwicklerangaben ebenfalls in Arbeit.
Historisch verbürgte Waffen statt Standard-Arsenal
Auch bei der Bewaffnung setzt Hoothanes bewusst auf Authentizität statt auf das übliche Westfront-Arsenal. Statt Garand-Gewehr und Thompson-MP greifen wir zu Waffen, die chinesische Truppen tatsächlich einsetzten: das Hanyang-Gewehr Typ 88 (eine chinesische Fertigung, basierend auf dem deutschen Gewehr 88), die Mauser-C96-Pistole sowie die Bergmann-MP18-Maschinenpistole, ergänzt um das japanische Arisaka-Gewehr und das sowjetische Mosin-Nagant-Gewehr, das von Einheiten mit sowjetischer Unterstützung genutzt wurde. Waffen, die man in klassischen Westfront-Shootern praktisch nie zu Gesicht bekommt.
Laut Rechercheergebnissen soll für die Waffenumsetzung sogar ein Entwickler mit echter militärischer Erfahrung im Umgang mit Schusswaffen verantwortlich zeichnen. Per Tastendruck lässt sich jede Waffe zudem inspizieren und von allen Seiten begutachten, inklusive Beschriftungen, Bauweise und Ladezustand – ein Detail, das zeigt, wie ernst das Team seine historischen Vorbilder nimmt. Auch bei den Schauplätzen ging man laut verfügbaren Informationen ins Detail: Für noch existierende Originalorte reiste das Entwicklerteam persönlich vor Ort und scannte die Umgebungen fotogrammetrisch mit der Unreal Engine 5 ein, kombiniert mit historischem Bildmaterial. Wo sich die ursprüngliche Bauweise nicht mehr überprüfen ließ, rekonstruierte man anhand historischer Bücher und Fotografien.
Ein kleiner Wermutstropfen bei aller Liebe zum Detail: Trotz des Authentizitätsanspruchs setzt The Defiant beim Trefferregister auf ein klassisches Hitscan-System statt auf simulierte Ballistik – Kugeln treffen also ohne Flugzeit oder Fallneigung sofort dort, wo das Fadenkreuz sitzt. Laut Entwicklerteam eine bewusste Entscheidung zugunsten des häufigen Nahkampfgefechts und des filmischen Kampagnentempos; ob eine echte Ballistik-Simulation nachgereicht wird, ist intern offenbar noch nicht final entschieden.
Auch nach dem Launch soll es weitergehen
Im Gespräch nach der Demo verriet mir einer der anwesenden Entwickler zudem, dass man sich mit der Singleplayer-Kampagne noch lange nicht zufriedengeben will. Geplant sind demnach kooperative PvE-Inhalte, die im Anschluss an den Release nachgeliefert werden sollen und neben der Hauptkampagne weitere eigenständige Geschichten aus dem Widerstand gegen die japanische Besatzung erzählen sollen. Konkrete Details oder ein Zeitplan dazu gab es zwar noch nicht, doch allein die Ankündigung zeigt, dass Hoothanes den chinesischen Kriegsschauplatz offenbar nicht nur für eine einzelne Kampagne, sondern als langfristiges Fundament für weitere Inhalte nutzen möchte.
Mein Fazit
Nach meinem kurzen, aber intensiven Ausflug in den winterlichen chinesischen Widerstand bin ich mir sicher: The Defiant hat mehr zu bieten als nur einen ungewöhnlichen historischen Rahmen. Das Spiel klingt sehr vielversprechend und sollte definitiv auf jeder Wunschliste eines First-Person-Shooter-Fans landen. Gerade der bewusste Rückgriff auf klassische Genre-Tugenden, gepaart mit einem Kriegsschauplatz, den kaum jemand von uns aus anderen Spielen kennt, macht The Defiant zu einem der spannenderen Shooter-Versprechen dieser Gamescom.
Bis zum Release wird zwar noch etwas Zeit vergehen, doch wer schon jetzt neugierig geworden ist, kann The Defiant auf Steam wishlisten und den weiteren Fortschritt des Spiels verfolgen.
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