
Ein Fünf-Mann-Studio aus dem britischen Guildford hat auf der Gamescom eines meiner intensivsten Erlebnisse des gesamten Events abgeliefert: Rock, Paper, Severed verwandelt das simple Kinderspiel Stein, Schere, Papier in ein Horror-Duell, bei dem jede Niederlage einen Finger kostet. Ich durfte gegen einen der Entwickler persönlich antreten – und habe eine der spannendsten 20 Minuten meiner gesamten Messe erlebt.
Manchmal sind es nicht die größten Studios mit den prächtigsten Ständen, die auf der Gamescom den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Buzzin‘ Games ist ein gerade einmal fünfköpfiges Studio aus Guildford in England, das mit Rock, Paper, Severed sein Debütspiel entwickelt. Vor Ort durfte ich nicht nur eine Partie gegen Mitgründer Matt spielen, sondern auch die restliche Truppe kennenlernen: Ed, seines Zeichens Ideengeber des Studios, und Adam, der als 3D-Artist für den finalen Feinschliff verantwortlich zeichnet. Gemeinsam mit zwei weiteren Teammitgliedern haben die fünf aus einem der bekanntesten Kinderspiele der Welt etwas gezaubert, das ich so nicht erwartet hätte.
Stein, Schere, Papier – diesmal mit echten Konsequenzen
Das Grundprinzip von Rock, Paper, Severed bleibt zunächst vertraut: Man sitzt an einem runden Tisch und entscheidet sich für Stein, Schere oder Papier, der Gegenspieler trifft zeitgleich dieselbe Wahl. Der Clou liegt in den Konsequenzen einer Niederlage. Statt einfach nur einen Punkt zu verlieren, verliert die eigene Spielfigur auf äußerst schmerzhafte Weise einen Finger der linken Hand: Aus dem Tisch fährt eine Art Bleistiftspitzer-Apparatur, in die man den Finger hineinhalten muss – und im nächsten Moment sieht man mit an, wie er regelrecht zerkleinert wird, während auf der Rückseite das Blut wie aus einem Fleischwolf herausschießt und in einem Loch in der Tischmitte abfließt.
Verliert man alle fünf Finger einer Hand, ist die Partie vorbei. Damit eine Runde aber nicht viel zu schnell entschieden ist, haben sich die Entwickler einen cleveren Kniff überlegt: Nach einigen Runden fallen plötzlich zufällige Gegenstände auf den Tisch, die beide Spieler so schnell wie möglich an sich reißen müssen.

Sechzehn Gegenstände, unzählige Strategien
Zum Launch sollen insgesamt 16 unterschiedliche Gegenstände zur Verfügung stehen, die jeweils eigene Strategien ermöglichen. In meiner Partie gegen Matt kamen dabei einige richtig kreative Werkzeuge zum Einsatz. Ein Apparat druckt beispielsweise verlorene Finger mittels einer Art 3D-Finger-Spritze wieder neu, ein Revolver erlaubt es, dem Gegner einen seiner Gegenstände zu stehlen – kombiniert mit einem Auge, das vorab einen Blick auf die gegnerischen Items erlaubt, lässt sich mit dem Revolver sogar gezielt statt zufällig stehlen.
Besonders spannend, aber auch riskant fand ich das Vampirgebiss: Verliert man damit eine Runde, kostet das gleich zwei Finger, gewinnt man dagegen, nimmt man dem Gegner nicht nur einen Finger ab, sondern bekommt zusätzlich einen eigenen zurück. Eine Voodoo-Puppe sorgte in unserer Partie außerdem dafür, dass der eigene Fingerverlust automatisch auch beim Gegner einen Finger kostete. Genau solche Items sind es, die eine Partie spannend und unberechenbar halten, statt sie zu einem reinen Zufallsspiel verkommen zu lassen.

Ein Comeback aus dem Nichts
Meine eigene Partie gegen Matt zog sich über spannende 20 Minuten, unter anderem, weil wir mehrfach dieselbe Geste zogen und ich es zwischendurch schaffte, mir verlorene Finger wieder anzudrucken. Am Ende stand es hauchdünn: Ich hatte nur noch einen einzigen Finger übrig, Matt dagegen noch drei. Ab diesem Punkt hieß es für mich nur noch: volles Risiko. Es gelang mir tatsächlich, mehrere meiner Finger zurückzugewinnen und die Partie am Ende doch noch für mich zu entscheiden. Zum krönenden Abschluss taucht hinter dem unterlegenen Gegner eine gruselige Gestalt auf, die ihm kurzerhand das Genick bricht, während man selbst offiziell zum Sieger erklärt wird – ein wirklich fieser, aber äußerst stimmungsvoller Schlusspunkt.
Mehr als nur Multiplayer-Nervenkitzel
Rock, Paper, Severed lässt sich dabei nicht nur zu zweit spielen, wie ich es in meiner Session getan habe, sondern auch zu dritt oder zu viert im Mehrspielermodus – vier setzen sich an den Tisch, nur einer soll am Ende übrig bleiben. Wer lieber solo antreten möchte, kann sich stattdessen in einer Story-Kampagne gegen die KI versuchen. Dort trete ich laut offiziellem Store-Text nicht gegen einen gewöhnlichen Gegenspieler an, sondern gegen eine mysteriöse Entität, an deren Regeln man gebunden ist und der man sich nicht einfach entziehen kann. Jede gespielte Runde soll dabei ein weiterer Schritt in Richtung Absolution sein – oder in Richtung von etwas deutlich Schlimmerem, während Fragmente der eigenen Vergangenheit ans Licht kommen. Zusätzlich gibt es einen bunt gemischten Cast an zwielichtigen Figuren, jede mit eigener Vorgeschichte, eigenen Ticks und eigenen Gründen, warum sie überhaupt an diesem Tisch sitzen.
Ein Hinweis für empfindliche Gemüter
Wer bei den beschriebenen Fingerabtrenn-Sequenzen zusammenzuckt, ist nicht allein: Auf Steam weisen die Entwickler selbst explizit auf Gewaltdarstellungen, selbst zugefügte Verletzungen und verstörende Bildinhalte hin, da das Abtrennen der eigenen Finger fester Bestandteil des Kerngameplays ist. Wer darauf verzichten möchte, findet im Spielmenü einen blutfreien Modus, der Blut und sichtbare Wunden entfernt, das eigentliche Spielprinzip aber vollständig erhält.
Release und technische Eckdaten
Einen genauen Release-Termin hat Buzzin‘ Games bislang nicht kommuniziert, angepeilt wird eine Veröffentlichung im kommenden Jahr 2027 für den PC via Steam. Wer selbst am Tisch Platz nehmen möchte, sollte laut aktuellen Systemanforderungen mindestens einen Intel i5-7600 oder AMD Ryzen 5 1600 sowie 8 GB RAM und eine GTX 1060 mitbringen, empfohlen wird ein i5-10400 oder Ryzen 5 3600 mit 16 GB RAM und einer RTX 2060. Unterstützt werden dabei sowohl Xbox- als auch PlayStation-Controller.
Mein Fazit
Dass ausgerechnet ein fünfköpfiges Studio ohne Publisher im Rücken eines der intensivsten Erlebnisse der diesjährigen Gamescom abliefert, hätte ich vorher nicht gedacht. Rock, Paper, Severed schafft es, aus einem jahrtausendealten Kinderspiel durch simple, aber geniale Regeländerungen und ein cleveres Item-System echten Nervenkitzel zu erzeugen. Die Mischung aus Bluff, Psychologie und dem quälend guten Gefühl, im letzten Moment doch noch das Ruder herumzureißen, hat mich restlos gepackt. Ich bin gespannt, wie sich das Konzept im vollen Vier-Spieler-Chaos schlägt – aber schon nach meiner Zweier-Partie gegen Matt steht für mich fest: Dieses kleine Studio aus Guildford sollte definitiv auf eurem Radar landen.
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