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Marvel Cosmic Invasion im Test (PS5) – Die SNES-Nostalgie-Pille mit bitterem Nachgeschmack

Plattform: PC (Windows, Linux), PlayStation 5, PlayStation 4, Xbox Series X/S, Xbox One, Nintendo Switch, Nintendo Switch 2 Entwickler: Tribute Games Publisher: Dotemu Release (Digital): 1. Dezember 2025

Ich muss gestehen: Hätte ich dieses Spiel in meiner Jugend, damals, als der Super Nintendo noch das Maß aller Dinge war, in den Modulschacht geschoben, wäre es eine Offenbarung gewesen. Meine Gaming-Träume wären restlos erfüllt worden. Marvel Cosmic Invasion, der neueste Streich aus der unendlichen Marvel-Maschinerie, ist ein Side-Scrolling Beat ‚em up (oder Brawler) mit einer Geschwindigkeit und Direktheit, die man in der modernen AAA-Welt oft vermisst. Es ist ein actiongeladenes, bildschirmfüllendes Spiel, das uns die Kontrolle über die größten kosmischen Helden des Marvel-Universums gibt und optisch an die besten 90er-Jahre-Beat-‚em-ups von Capcom erinnert.

Doch der Charme des „Was wäre wenn“ kollidiert unweigerlich mit der Gegenwart. Aus heutiger Sicht ist Cosmic Invasion ein Spiel, das seine besten Ideen bereits in den ersten zwei Stunden verfeuert hat und danach in einer Spirale der Wiederholung versinkt. Es ist ein bittersüßes Erlebnis, das mit einem grandiosem Soundtrack und Gameplay brilliert, aber in puncto Abwechslung, Langzeitmotivation und Inszenierung gnadenlos scheitert.

Das goldene Gameplay-Gerüst

Die eigentliche Sensation von Marvel Cosmic Invasion ist das, was passiert, sobald man den Controller in die Hand nimmt: das Gameplay. Es ist schnell, es ist direkt, es ist kompromisslos und es macht süchtig. Die Entwickler haben die Formel des klassischen Brawlers perfektioniert. Wir wählen einen unserer zahlreichen Helden – von Star-Lord über Nova bis hin zu Captain Marvel – und stürzen uns in die Schlacht gegen riesige Alienhorden.

Jeder Held verfügt über ein einzigartiges Move-Set mit Nah- und Fernkampfangriffen sowie zwei Spezialfähigkeiten, die taktisch klug eingesetzt werden müssen. Neu ist die dynamische Tag-Team-Mechanik: Jeder Spieler wählt zwei Charaktere, zwischen denen man jederzeit fließend wechseln kann. Ein perfekt getimter Wechsel ermöglicht es, einen Gegner in die Luft zu schleudern und ihn mit dem hereintaggenden Partner in „flashy combos“ am Boden zu halten, was besonders im chaotischen 4-Spieler-Koop für spektakuläre Momente und enorme Intensität sorgt.

Die Steuerung ist butterweich, die Hitboxen präzise und die Angriffe haben eine befriedigende Wucht. Der Flow des Spiels ist phänomenal: Man rast durch die Arenen, kombiniert fließend Ausweichmanöver mit Spezialattacken und räumt in Sekundenschnelle den gesamten Bildschirm frei. Dieses Moment-zu-Moment-Gameplay ist das absolute Herzstück und der unbestreitbare Höhepunkt des gesamten Titels. Es ist die reine, unverfälschte Freude am Draufhauen. Es fühlt sich an wie ein verlorener Arcade-Klassiker, den man in einem verstaubten Automaten gefunden hat.

Unterstützt wird dieser Flow von einem schlichtweg fantastischen Soundtrack. Die Musik ist treibend, kosmisch und episch, perfekt abgestimmt auf die Action. Sie peitscht den Spieler durch die Level und sorgt dafür, dass die Immersion im Kampfgeschehen stets auf dem höchsten Niveau bleibt. Das Sounddesign harmoniert perfekt mit dem visuellen Chaos auf dem Bildschirm, was bei Brawlers dieser Art entscheidend ist.

Die galaktische Inszenierungs-Pleite

Leider ist die Faszination für das Gameplay das Einzige, was dieses Spiel langfristig trägt, denn die Rahmenhandlung und die Inszenierung sind ein echter Witz. Die Geschichte über eine neue kosmische Bedrohung – nennen wir sie „Alien-Typ A“ – und die Bildung eines „Super-Teams“ ist so lahm und einfallslos, dass sie bestenfalls als Füllmaterial für einen Samstagmorgen-Cartoon durchgehen würde. Die Einführung des Spiels mit einer grandiosen, animierten Titelsequenz verspricht hierbei mehr, als der Rest der statischen, schnell überspringbaren Zwischensequenzen halten kann.

Es ist eine verpasste Chance der Superlative. Man hat Zugriff auf dutzende der interessantesten Charaktere des Marvel-Universums, von denen jeder eine reiche Geschichte und einzigartige Motivationen mitbringt, und trotzdem entscheidet man sich für eine Standard-Geschichte aus der Retorte. Die gesamte Handlung wird zudem durch billige, statische Standbilder und Textfenster erzählt, die den erzählerischen Tiefpunkt markieren. In einem modernen Spiel, das mit der Wucht des Marvel-Namens antritt, erwartet man Cutscenes, Emotionen und eine Inszenierung, die den epischen Ausmaßen der kosmischen Schlachten gerecht wird. Stattdessen fühlt es sich an, als würde man einen digitalen Comicstrip lesen, der es sich gespart hat, die Panels zu animieren.

Der Kontrast zwischen dem dynamischen, flüssigen Gameplay und der statischen, holprigen Story-Präsentation ist so krass, dass er fast schon schmerzt. Man könnte argumentieren, dass die Geschichte in einem reinen Action-Brawler Nebensache ist, aber bei einem Titel, der auf einer der reichsten Fiktionswelten überhaupt basiert, ist diese narrative Lethargie einfach unverzeihlich.

Monotonie im Orbit und unausgewogene Helden

Das größte Problem von Marvel Cosmic Invasion liegt jedoch in seiner strukturellen Abwechslungsarmut.

Das Kernproblem ist das Leveldesign. Man kämpft sich durch gerade Gänge und dann in eine Arena – das ist das gesamte Design-Schema. Und das wird von Anfang bis Ende durchgezogen. Obwohl wir durch verschiedene Planeten und Raumschiff-Wracks reisen, fühlen sich die Umgebungen optisch zwar leicht unterschiedlich an, spielerisch jedoch absolut identisch. Es gibt kaum Variation in den Missionszielen. Wir sollen entweder einen Schalter umlegen, eine Barriere zerstören oder einfach nur „alle Gegner töten“.

Die anfängliche Freude über das flüssige Gameplay schlägt nach etwa der Hälfte des Spiels unweigerlich in Monotonie um. Dies wird durch zwei Faktoren verschärft:

Erstens: Die Gegnervielfalt ist erschreckend gering. Angesichts des riesigen Universums, aus dem man schöpfen könnte (Kree, Skrulls, Chitauri), kämpft man fast ausschließlich gegen die immer gleichen, bug-artigen Minions, die lediglich in unterschiedlichen Farben lackiert wurden. Diese fehlende Nutzung der ikonischen Schurken wirkt wie eine grobe Verschwendung der Lizenz.

Zweitens: Der Kader ist unausgewogen. Obwohl das Spiel mit einem beeindruckenden Roster von 15 Helden wie Spider-Man, Wolverine, Beta Ray Bill und Cosmic Ghost Rider aufwartet, macht es nur mit einer Handvoll davon wirklich Spaß. Insbesondere die fliegenden Charaktere (wie Storm oder Iron Man) leiden unter einem stark reduzierten Move-Set, wodurch sie im Vergleich zu den Nahkämpfern (wie Black Panther oder She-Hulk) schnell langweilig werden. Dies reduziert das effektive Roster auf etwa fünf oder sechs wirklich spaßige Kämpfer.

Drittens: Das Progression-System ist unterentwickelt. Zwar besitzt jeder Held ein leichtes RPG-Leveling-System, bei dem man neue Farben, HP oder Fokus erhält, doch dieses System ist zu seicht und langsam, um die strukturelle Wiederholung der Levels zu überwinden. Da die gesamte Kampagne in etwa drei bis vier Stunden abgeschlossen werden kann, dient das Grinden von Levels eher als Füller statt als Belohnung. Zudem ist die Schwierigkeit, besonders im Einzelspieler-Modus, oft zu niedrig, sodass die clevere Tag-Team-Mechanik, das größte taktische Element, gar nicht erst genutzt werden muss.

Fazit – Ein Klassiker, der zu spät kam

Marvel Cosmic Invasion ist ein Spiel mit einem tragischen Kern. Es trägt ein Meisterwerk des Gameplays in sich, das von einem grandiosen Soundtrack untermalt wird. Auf diesem Fundament hätte man einen modernen Klassiker erschaffen können – einen würdigen Konkurrenten für die besten Beat ‚em ups überhaupt.

Doch das Potenzial wird durch strukturellen Einfallsreichtum und eine Inszenierung auf dem Niveau eines frühen 90er-Jahre-Spiels massiv eingebremst. Die kurze Kampagnenlänge, die mangelnde Gegnervielfalt und das seichte Leveling-System sorgen dafür, dass das Spiel schnell in eine ermüdende Monotonie verfällt. Am Ende steht die Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis: Bei einem Preis von 29,99 € ist der Content für die kurze Spielzeit und die mangelnde Abwechslung schlichtweg überteuert.

Die Liebe zur Marvel-Welt und die makellose Steuerung können die fehlende Tiefe und das Koop-Chaos auf Dauer nicht ausgleichen. Es ist ein Titel, der perfekt auf dem Super Nintendo funktioniert hätte, aber im Jahr 2025 schlichtweg zu wenig bietet, um über die gesamte Spielzeit hinweg zu fesseln.

Wer bereit ist, die fehlende Tiefe und die schwache Story für reinen, ununterbrochenen Arcade-Brawler-Spaß in Kauf zu nehmen, wird hier zweifellos einige Stunden lang Freude haben – idealerweise im Koop-Modus. Alle anderen werden das Gefühl nicht los, dass hier ein gigantisches Potenzial verschenkt wurde.

Pro & Kontra

  • Fantastisches, flüssiges Gameplay (Beat-‚em-up-Mechanik ist perfektioniert)
  • Grandioser, treibender Soundtrack
  • Butterweiche Steuerung und präzise Hitboxen
  • Dynamische Tag-Team-Mechanik (funktioniert hervorragend im Koop)
  • Beeindruckende Menge an spielbaren Marvel-Helden
  • Extreme Monotonie (Leveldesign und Missionsziele wiederholen sich ständig)
  • Lahme, einfalllose Geschichte und Erzählung
  • Kurze Kampagnenlänge (ca. 3–4 Stunden) und schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Geringe Gegnervielfalt (fehlen ikonische Marvel-Rassen)
  • Unausgewogener Charakterkader (Flieger-Helden sind langweilig zu spielen)
  • Unterentwickeltes Leveling-System (trägt kaum zur Langzeitmotivation bei)

Wertung: 5.5/10 ⭐⭐⭐⭐⭐☆☆☆☆☆

Über Egor Sommer 1487 Artikel
Lange Zeit bei Playstation-Choice.de mitgewirkt und nun als Freelancer bei Gamolution.de tätig. Ich freue mich darauf euch weiterhin mit Tests, Specials und News rund um die Gaming-Welt zu informieren.
Kontakt: Webseite

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