
Plattformen: PS5, Xbox Series X/S, Switch, PC Entwickler: Little Sewing Machine Publisher: Maximum Entertainment Release: 9. Oktober 2025
Bye Sweet Carole ist ein Spiel, das sofort fesselt, lange bevor man die erste Puzzle-Passage gemeistert hat. Es ist ein visuelles Manifest, eine Hommage an die handgezeichnete Animationsfilme der 90er Jahre im Stil klassischer Disney-Filme. Doch unter dieser zuckersüßen, nostalgischen Fassade lauert eine düstere, melancholische Horrorgeschichte. Das Debüt von Little Sewing Machine, unter der Führung von Chris Darril (Remothered-Reihe), entführt uns in das frühe 20. Jahrhundert und in die beunruhigenden Hallen des Waisenhauses Bunny Hall. Wir schlüpfen in die Rolle der jungen Lana Benton, die sich auf die Suche nach ihrer vermissten Freundin Carole Simmons macht und dabei in die geheimnisvolle Welt von Corolla stürzt. Es ist eine faszinierende, emotionale Geschichte über Verlust und weibliche Emanzipation. Doch kann das Gameplay mit dieser beeindruckenden Kunst mithalten?
Der schönste Albtraum, den ich je gespielt habe
Die visuelle Präsentation ist schlicht atemberaubend und der unbestreitbare Star des Spiels. Jede einzelne Szene, jeder Hintergrund und jede Animation ist liebevoll von Hand gefertigt und vermittelt das Gefühl, sich in einem interaktiven Zeichentrickfilm zu befinden. Ergänzt wird diese Pracht durch einen brillanten Soundtrack und eine hervorragende Sprachausgabe. Die Musik trifft stets den richtigen Ton, vom leisen, melancholischen Klavier im Waisenhaus bis hin zu dramatischen Violinen, wenn die monströsen Gegner, wie der bedrohliche Mr. Kyn oder die unheimliche Eule Velenia, auftauchen.

Die narrative Tiefe überzeugt grundsätzlich, doch nicht auf ganzer Linie. Die Geschichte, die in zehn Episoden unterteilt ist und Themen wie Unterdrückung, Freundschaft und das Zerbrechen der kindlichen Unschuld behandelt, gerät immer wieder ins Stottern. Viel zu sehr verschwimmt die Traumwelt mit der Realität, sodass es nicht immer leichtfällt, dem seriösen und traurigen Handlungsstrang lückenlos zu folgen. Zudem steht das wenig polierte Gameplay der fokussierten Erzählung merklich im Weg.

Der Riss in der Leinwand: Gameplay-Frustration
Leider ist die brillante Kunstfertigkeit nicht in allen Bereichen des Spiels spürbar. Obwohl Bye Sweet Carole als Narrative-Horror-Adventure konzipiert ist und somit den Fokus auf die Geschichte legt, kranken die Gameplay-Mechaniken an mangelnder Politur.

Das Spiel mischt Elemente aus Point-and-Click-Adventure à la Baphomets Fluch mit Clock Tower– oder Little Nightmares-ähnlichen Stealth-Passagen. Lana kann sich in einen Hasen verwandeln, um durch enge Spalten zu passen, schneller zu laufen oder Wall-Jumps auszuführen – eine zentrale Mechanik für die Plattform-Herausforderungen.

Gerade diese Plattforming- und Stealth-Abschnitte können frustrieren. Die Steuerung ist oft steif und unzuverlässig. Der Wall-Jump funktioniert mitunter unpräzise, und Lana bleibt an Objekten hängen. Hinzu kommt, dass der eigentliche Horror, der durch die Verfolgungsjagden erzeugt werden soll, oft in „Trial-and-Error“-Frustration umschlägt. Wenn Verfolger Mr. Kyn zu nahe kommt, hilft nur noch das Verstecken in Nischen und das Anhalten der Luft – doch selbst diese Mechaniken fühlen sich im Vergleich zur Konkurrenz flach und unausgereift an.

Die Rätsel sind meist einfach gestrickt und basieren auf dem Wechsel zwischen Lanas menschlicher und ihrer Hasenform, um Hebel zu bedienen oder Abgründe zu überwinden. Leider sind diese Rätsel oft mit viel Laufarbeit und Backtracking verbunden, was den Erzählfluss zusätzlich stark beeinträchtigt. Doch das Fehlen eines intuitiven Tutorials lässt einige Aufgaben unnötig zur Geduldsprobe werden. Anstatt sich auf die Atmosphäre einzulassen, ist man zu oft damit beschäftigt, die unpräzise Balance-Mechanik auf schmalen Vorsprüngen zu meistern.

Auch die Basis PS5 ein Fest
Auf der PlayStation 5 läuft Bye Sweet Carole in nativen 4K (2160p) bei konstant 60 Bildern pro Sekunde (FPS), was bei einem 2D-Spiel auch zu erwarten ist. Die hohe Auflösung lässt die detaillierten, handgezeichneten Assets und die feinen Animationen perfekt zur Geltung kommen.

Der größte technische Schwachpunkt sind die Ladezeiten. Trotz der superschnellen SSD der PS5 fällt das Laden neuer Szenen – insbesondere beim Wechsel zwischen den Hauptgebieten Bunny Hall und Corolla oder nach einem Tod – deutlich länger aus, als man es von Current-Gen-Konsolen gewöhnt ist. Dies unterbricht den Flow der narrativen Horror-Erfahrung merklich.

Das Spiel nutzt die Funktionen des DualSense-Controllers nur minimal. Es gibt einige subtile haptische Feedbacks bei bestimmten Aktionen, aber die adaptiven Trigger oder der HD-Rumble bleiben weitgehend ungenutzt.

Fazit
Bye Sweet Carole ist ein aufsehenerregendes Debüt, das auf spektakuläre Weise die Kluft zwischen brillanter Kunst und mangelhaftem Handwerk aufzeigt. Das Spiel ist ein unvergleichliches visuelles und narratives Meisterwerk, dessen handgezeichneter, melancholischer Stil und die emotionale Tiefe der Geschichte sofort in den Bann ziehen. Es liefert einen unvergesslichen, atmosphärischen Horrortrip, der auf der PS5 durch die 60 FPS optimal zur Geltung kommt. Leider steht diese Pracht im starken Kontrast zu den unpolierten Gameplay-Mechaniken. Die steife Steuerung, die frustrierenden Stealth-Passagen und die überraschend langen Ladezeiten trüben das Erlebnis spürbar. Wer jedoch bereit ist, die spielerischen Mängel als „Preis für die Kunst“ in Kauf zu nehmen, erhält ein tiefgründiges, storyfokussiertes Abenteuer, das optisch einzigartig ist und lange nachhallt. Es ist kein perfektes Spiel, aber definitiv ein spannendes und stilvolles Werk.
Pro
- Handgezeichnete Animationen im Stil klassischer Disney-Filme (visuelles Meisterwerk)
- Konstante 60 FPS bei nativer 4K-Auflösung auf der PS5
- Emotionale und tiefgründige Geschichte über Verlust und Feminismus
- Brillanter Soundtrack und hochwertige Sprachausgabe
- Kreative Mischung aus Adventure und Horror
Kontra
- Steife und unzuverlässige Steuerung (insbesondere beim Plattforming)
- Lange Ladezeiten auf der PS5 SSD (stört den Spielfluss)
- Frustrierende und unpolierte Stealth-Mechaniken („Trial-and-Error“)
- DualSense-Funktionen kaum genutzt
- Puzzles und Gameplay-Elemente bleiben hinter dem künstlerischen Anspruch zurück
Wertung: 6.5/10 ⭐⭐⭐⭐⭐⭐☆☆☆☆
Kommentar hinterlassen