
Titel: Tainted Grail: Fall of Avalon Release: 29. September 2025 (PS5-Version Patch 1.001.003) Plattformen: PC, PlayStation 5, Xbox Series X|S Entwickler: Awaken Realms, Questline Publisher: Awaken Realms Digital Genre: Action-RPG, Open-World
Die Legende von König Artus und den Rittern der Tafelrunde ist ein Mythos, der uns seit Jahrhunderten fasziniert. Doch was, wenn diese Geschichte nicht in einem goldenen Zeitalter endete, sondern in einer Welt der Verzweiflung und des Untergangs? Tainted Grail: Fall of Avalon entführt uns genau dorthin: in eine düstere, sterbende Version von Avalon, in der die Dunkelheit überhandnimmt und die einstigen Helden der Geschichte zu vergessenen, tragischen Figuren geworden sind. Als ein einfacher Sterblicher müssen wir uns in dieser Welt zurechtfinden, die von unheimlichen Bestien und dem unheilvollen Wyrd, einer dunklen Energie, durchzogen ist. Bevor ich dir in meinem ausführlichen Testbericht verrate, welche Stärken und Schwächen der Titel zu bieten hat, kann ich dir eines verraten: Dieses Spiel ist ein beeindruckend ambitioniertes Projekt, das den Spieler von der ersten Minute an fesselt, auch wenn es nicht frei von kleineren Schwächen ist.
Eine Welt des Verfalls und der Konzentration
Die Welt von Avalon in Tainted Grail ist eine der eindrucksvollsten und originellsten Schauplätze, die ich seit Langem erkundet habe. Diese Faszination verdankt der Titel weniger der Technik, als vielmehr einem abstrusen und fantasievollen Design von riesigen Statuen, Baukonstruktionen und schlichtweg horrifiesken Schauplätzen. Ein unvergessliches Highlight ist beispielsweise Arthurs Grab in der Zwischenwelt: Dort thront ein riesiger Sarg auf einem Podest aus Blut, und über ihm ragt ein weiblich anwirkender humanoider Dämon, aus dessen Händen das Blut wie aus einem Wasserhahn läuft. Dieser Schauplatz erinnert an eine fesselnde Mischung aus Diablo und einem Kunstwerk von H.R. Giger. Im weiteren Verlauf der Geschichte trifft man auf Charaktere und Monster, die nicht weniger abstrakt sind und direkt Horrorgeschichten entsprungen sein könnten. Das macht diese Neuinterpretation Avalons zu einem wirklich unvergesslichen und originellen Erlebnis.

Allerdings ist Tainted Grail keine Sandbox-Welt im Stile von The Elder Scrolls: Skyrim oder Fallout. Die Welt ist zwar offen, fühlt sich aber deutlich strukturierter, statischer und narrativ fokussierter an. Zudem bietet Tainted Grail komplett offene Spielwelt im Stile eines GTA oder ähnlichem. Stattdessen setzt man auf mehrere große, voneinander getrennte Areale. Innerhalb dieser Regionen gibt es zudem unzählige Höhlen, Minen, Ruinen und Dungeons zu erkunden. Jeder dieser neuen Schauplätze muss neu geladen werden, ganz wie im großen Vorbild Skyrim, doch glücklicherweise sind die Ladezeiten hier sehr kurz.

Obwohl die NPCs einen rudimentären Tag-und-Nacht-Rhythmus haben (einige gehen nachts schlafen, sind tagsüber aber stets am gleichen Ort zu finden), fehlt die komplexe, sich ständig verändernde Dynamik eines echten Sandbox-Spiel. Überall spürt man das Gewicht der Vergangenheit und des drohenden Untergangs. Die Wyrd-Energie hat die Landschaft verunreinigt und unheimliche Kreaturen hervorgebracht, die in den Nebeln lauern. Die Hauptstory ist packend und die Nebenquests sind in der Regel gut geschrieben und lohnen sich, da sie dir mehr über die Welt und die Schicksale der Menschen erzählen.

Das tiefe Rollenspiel- und Steuerungssystem
Eine der größten Stärken von Tainted Grail: Fall of Avalon ist sein umfangreiches und flexibles Rollenspielsystem. Hier können RPG-Liebhaber Stunden damit verbringen, ihren Charakter zu optimieren. Nach einem Levelaufstieg erhält man sowohl einen Punkt für die Attribute als auch einen Punkt für die Fähigkeiten.
Die Attributspunkte können in sechs Kerneigenschaften investiert werden:
- Stärke (Nahkampfschaden, Max. Ausdauer etc.)
- Vitalität (Max. TP, Tragekapazität etc.)
- Gewandheit (Angriffstempo, Fernkampfschaden etc.)
- Spiritualität (Zaubermacht, Max. Mana etc.)
- Gewieftheit (Herstellungsbonus, Preise verkaufter Waren etc.)
- Wachsamkeit (Krit. Schaden, Schleichschaden etc.)

Die Fähigkeitspunkte hingegen können in 22 unterschiedliche Talentbäume investiert werden. Um die Übersichtlichkeit zu gewährleisten (im Gegensatz zu Titeln wie Path of Exile), sind diese Talentbäume in sechs Reiter gegliedert, die den jeweiligen Attributen entsprechen. Später im Spiel schaltet man einen weiteren, mächtigen Talentbaum frei, die sogenannte Königsseele. Dieses System erlaubt es jedem Rollenspielfan, sich auszutoben und einen komplett eigenen Spielstil zu finden.

Erfahrungspunkte werden, ähnlich wie in der The Elder Scrolls-Reihe, durch Aktionen belohnt: Jede durchgeführte Aktion lässt das entsprechende Segment leveln. Nutzen wir Einhandwaffen, verbessert sich diese Fähigkeit; schleichen wir oft, verbessert sich die Schleichfunktion. So sind viele Aspekte des Charakters direkt von euren Aktionen abhängig. Zusätzlich gibt es genretypisch Erfahrungspunkte für Kämpfe und Quests, wobei Letztere die meisten Punkte einbringen.

Passend zum individuellen Spielstil gibt Tainted Grail dir große Freiheit bei der Waffenhandhabung: Du entscheidest selbst, ob du eine Waffe, ein Schild oder einen Zauberspruch in die linke oder rechte Hand legst (Zweihandwaffen belegen natürlich beide). Schön ist auch, dass du bis zu vier Waffensets ausrüsten kannst, die mitten im Kampf schnell gewechselt werden können. Sobald du die L1-Taste gedrückt hältst, erscheint ein Schnellauswahlrad. Im Gegensatz zu vielen anderen Action-RPGs pausiert das Spiel in diesem Modus, was eine grandiose Option ist, um sich in Ruhe auf unterschiedliche Situationen vorzubereiten. Das Rad erlaubt dir zudem den Zugriff auf die vier Waffensets, Heilgegenstände, dein Camp, dein Pferd, ein Skizzenbuch oder das Fernglas und bietet sogar eine Schnellspeicherfunktion, ohne das Hauptmenü aufrufen zu müssen.


Die nackte Wahrheit des Überlebens
Das Kampfsystem ist komplex und anspruchsvoll. Es handelt sich um ein Echtzeit-Action-RPG in der First-Person-Perspektive, das oft mit dem Elder-Scrolls-Stil verglichen wird, aber deutlich mehr Impact und Souls-ähnliche Elemente bietet. Jeder Nahkampfangriff, jede Fähigkeit und jeder Block kostet Ausdauer, was dich dazu zwingt, jeden Zug strategisch zu planen. Button-Mashing ist keine Option, denn du wirst schnell scheitern, da jeder Gegner über unterschiedliche Angriffe verfügt, die du mit gut getimten Paraden oder Ausweichdashs blocken oder kontern musst. Dieses anspruchsvolle System aus Ausdauer-Management, Parieren und gezieltem Schlagen ist die ständige Herausforderung in den Kämpfen gegen die Bestien des Wyrd.

Dabei kommt auf der PS5 auch der DualSense Controller gut zum Tragen und liefert haptisches Feedback, das die Immersion unterstützt. Leider fühlt sich das Kampfsystem trotz des Impacts noch manchmal schwammig an, da die Angriffsdistanzen der eigenen Waffen schwer einschätzbar sind. Nach ein paar Stunden Spielzeit gewöhnt man sich jedoch an diesen Zustand und bemerkt diesen Umstand immer seltener.
Auch die Erkundung ist gnadenlos: Du musst deine Ausrüstung sorgfältig managen und einen Ort zum Ausruhen finden. Das liegt daran, dass viele Ausrüstungsgegenstände an bestimmte Attributswerte gekoppelt sind. Wenn du die geforderten Werte (zum Beispiel 4 Stärke und 4 Vitalität) nicht erfüllst, kannst du die Ausrüstung zwar anlegen, erhältst aber einen massiven Malus auf den Effekt: Eine Rüstung mit 6 Rüstungspunkten wird so beispielsweise auf 0,3 effektive Punkte reduziert. Dadurch findet man zwar viel Loot, muss aber lange Zeit auf Ausrüstung zurückgreifen, die keine Attributsanforderungen stellt. Das ist eine wichtige strategische Komponente.

Abseits des Kampfes glänzt Tainted Grail mit einem tiefgreifenden Handwerks- und Sammelsystem. Ihr könnt nicht nur Angeln und Materialien sammeln; die Spitzhacke dient etwa nicht nur dem Abbau von Erzen, sondern auch dazu, geheime Wege freizuschaufeln, während ihr mit einer Schaufel gezielt nach verborgenen Schatzkisten suchen und diese ausgraben könnt. Alle gesammelten Materialien könnt ihr anschließend nutzen, um nützliche Dinge herzustellen. Dazu gehören Kochen (für Buffs und Heilung), das Herstellen und Verbessern von Ausrüstung, das Brauen von Tränken sowie die Fertigung von Relikten, die ihr zusätzlich an eure Ausrüstung binden könnt, um euren Charakter weiter zu individualisieren. Dieses System sorgt dafür, dass die Erkundung und das Sammeln von Ressourcen stets belohnt wird.


Dies gilt auch für den dynamischen Tag-und-Nacht-Wechsel, wobei die Nächte zu Beginn des Spiels kaum zu überleben sind. In der Dunkelheit werden nicht nur die Standardgegner mit der Wyrd-Energie durchzogen, was sie deutlich gefährlicher macht, sondern euch jagen auch Geister und andere Kreaturen aktiv. Dementsprechend ist es ratsam, die Nächte zu meiden und so oft wie möglich zu Campieren. Zudem könnt ihr eure verdienten Fähigkeits- und Attributspunkte nur an einem Lagerfeuer investieren, wodurch ihr ohnehin oft genug an einem Lagerfeuer Halt machen werdet, um durchzuschnaufen und euren Charakter zu verbessern.

Um einen besseren Überblick über das Geschehen zu haben, kannst du in den Optionen zwischen einer Third-Person-Ansicht oder der Ego-Perspektive wechseln. Jedoch ist die Third-Person-Ansicht meiner Meinung nach nicht empfehlenswert, da sie sich genauso schwammig und fummelig anfühlt wie im großen Vorbild The Elder Scrolls: Skyrim. Zwar kannst du die Distanz der Third-Person-Kamera mithilfe eines Reglers individuell einstellen (von ganz nah bis ganz weit weg), aber das verbessert die Übersicht in den Kämpfen leider kaum. Daher empfehle ich dir, das Spiel in der Ego-Perspektive zu genießen, denn nur so kannst du die Kämpfe und die atemberaubende Welt in vollen Zügen genießen.

Ein kleines Highlight ist der Fotomodus. Er ist zwar nett, aber nicht wirklich atemberaubend und bietet nur grundlegende Funktionen: Du hast Zugriff auf drei Filter, eine Zoom-Funktion, ungefähr ein Dutzend Posen für den Helden und einfache Regler für Helligkeit, Kontrast und Sättigung. Man kann die Kamera frei bewegen, was gut ist. Trotz des begrenzten Umfangs ist es für die Community eine willkommene Dreingabe, denn ein einfacher Fotomodus ist immer noch besser als gar keiner.

Ambition versus Realität: Eine Welt in Konflikt
Man merkt, dass die Entwickler eine klare Vision für dieses Spiel hatten. Die Welt ist groß, voller Geheimnisse und beeindruckender Designs. Das liegt aber leider nur an der künstlerischen Vision und weniger an der technischen Umsetzung. Grafisch ist das Spiel, sagen wir es mal so, nicht wirklich hübsch. Es sieht aus wie ein Remaster eines PS3-Titels, was extrem schade ist. Viele der Areale, die durch ihr Design beeindrucken, hätten mit einer besserer Grafik noch viel mehr zur Geltung kommen können.

Das Sounddesign ist okay, aber nichts, woran man sich lange erinnert, abgesehen von einem Titel im Menü, der mich sofort mit Gänsehaut überzogen hat. Was mich jedoch fast umgehauen hat, waren die Grafikoptionen, die so auf Konsolen unüblich sind und eher an ein PC-Spiel erinnern. Du kannst die Auflösung ändern, die FPS auf 30, 60 oder sogar unbegrenzt einstellen, Vsync an- und ausschalten, das Sichtfeld ändern, die Vegetationsdichte anpassen und noch vieles mehr. Es ist wirklich der Wahnsinn, wie viele Optionen die Entwickler hier eingebaut haben, und das verdient Lob. Gerade für ein Spiel, das so viele technische Probleme hat, sind diese Optionen ungemein wichtig.

Der Kampf um das Überleben
Tainted Grail ist kein Spiel, das dich an die Hand nimmt. Das macht es anspruchsvoll, aber auch ungemein belohnend. Man fühlt sich wie ein kleiner Held, der sich seine eigene Geschichte schreibt. Das liegt nicht zuletzt an den fünf verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Es gibt „Geschichte“, „Abenteuer“, „Überleben“, „Hardcore“ und „Legendär“. Ich habe auf „Abenteuer“ angefangen, was dem normalen Schwierigkeitsgrad entspricht. In der ersten Region, die ich erkundet habe, bin ich gut vorangekommen und konnte mich mit den grundlegenden Spielmechaniken vertraut machen.

Ich habe fast alle Quests erledigt und mich schließlich sogar dem Endboss Galahad gestellt. Es war ein harter Kampf, der mir alles abverlangt hat, aber am Ende konnte ich ihn mit Mühe bezwingen. Voller Stolz bin ich dann in das zweite Gebiet marschiert, fest entschlossen, auch dieses zu meistern. Doch ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Selbst die einfachsten Gegner haben mich plötzlich besiegt. Ich musste mich zurückziehen, meine Ausrüstung überdenken und eine neue Strategie entwickeln. Das ist ein extremer Schwierigkeitsanstieg, der zwar etwas unfair wirkt, aber auch zeigt, wie gnadenlos die Welt von Tainted Grail ist. Hier kann man nicht einfach von einem Gebiet in ein anderes spazieren, ohne das man sich bewusst ist, das man sterben wird. Es ist ein Spiel, das Respekt verdient und dich dazu zwingt, dich mit dem System auseinanderzusetzen.

Fazit
Tainted Grail: Fall of Avalon ist ein faszinierendes Spiel, das dich von der ersten Minute an in seine dunkle, unbarmherzige Welt zieht. Es brilliert mit einem unglaublich tiefen und flexiblen Rollenspielsystem und einer originellen, beklemmenden Atmosphäre im Stil von H.R. Giger und Diablo. Die Mechaniken, wie das attributsgebundene Loot-System, der gnadenlose Tag-Nacht-Zyklus und das geniale, pausierende Schnellauswahlrad, zeigen eine klare und ambitionierte Design-Vision der Entwickler.
Wer sich auf das Spiel einlässt, wird mit einem tiefgründigen RPG belohnt. Allerdings wird diese Vision durch einige erhebliche Schwächen getrübt. Die grafische Präsentation erinnert leider an ein PS3-Remaster, das Kampfsystem fühlt sich zu Beginn schwammig an und der Schwierigkeitsgrad zieht extrem an.
Man könnte sagen: Tainted Grail: Fall of Avalon ist ein ungeschliffener, aber leidenschaftlicher Herausforderer. Wer über die anfänglichen technischen Hürden hinwegsieht, entdeckt hier einen tiefgründigen, faszinierenden Charakter, dessen eigene Ideen in manchen Punkten sogar die des großen Vorbilds The Elder Scrolls übertreffen. Es ist zwar noch nicht auf Augenhöhe mit diesem Giganten, aber das Potenzial ist immens. Sollten die Entwickler im nächsten Teil auf diesen Fundamenten aufbauen und die aktuellen Schwächen beseitigen können, dann könnte Tainted Grail die Krone des Elder-Scrolls-Erbes ernsthaft beanspruchen.
Trotz der Mängel ist es ein fesselndes Spielerlebnis, das ich jedem empfehlen würde, der ein anspruchsvolles, einzigartiges und düsteres RPG sucht. Es ist ein Titel, der die lange Wartezeit auf The Elder Scrolls 6 ohne Probleme überbrücken kann.
Pro & Kontra
Pro
- Packende und düstere Story
- Tiefes und flexibles Rollenspielsystem
- Anspruchsvolles und belohnendes Kampfsystem
- Unglaublich dichte und immersive Atmosphäre
- Großartige künstlerische Vision (H.R. Giger/Diablo-Stil)
- Unzählige PC-ähnliche Grafikeinstellungen
- Hoher Wiederspielwert und Geheimnisse
- Fünf verschiedene Schwierigkeitsgrade
Kontra
- Grafisch eher schwach
- Keine echte Sandbox, statische NPC-Routine
- Fummiliges Kampfgefühl / unklare Angriffsdistanzen
- Teilweise gnadenloser Schwierigkeitsanstieg
- Wenig erinnerungswürdiges Sounddesign
- Die Spielwelt fühlt sich gelegentlich leer an
Wertung
Gesamtwertung: 7/10 ⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐☆☆☆
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