
Seit dem ersten Greedfall vor einigen Jahren gilt das Studio Spiders als Geheimtipp für Fans klassischer Rollenspiele. Mit der Fortsetzung The Dying World schlagen die Entwickler nun einen Weg ein, der in vielerlei Hinsicht mutig ist, mich im Test aber auch immer wieder vor den Kopf gestoßen hat. Wir schlüpfen dieses Mal nicht in die Rolle eines Diplomaten, sondern in die eines Einheimischen von Teer Fradee, der gewaltsam auf den „alten Kontinent“ Gacane verschleppt wird. Diese Geschichte, in der wir als Fremder in einer sterbenden, von Intrigen und der Malichor-Pest zerfressenen Welt ums Überleben kämpfen, war für mich persönlich fast der einzige Grund, der mich bis zum Ende bei der Stange gehalten hat.
Komplexität als zweischneidiges Schwert
Was man Spiders lassen muss: Sie trauen dem Spieler in Sachen Charakterentwicklung einiges zu. Der Einstieg beginnt mit einem eher rudimentären Charaktereditor, der zwar für die wichtigsten Eigenschaften ausreicht, aber bei weitem nicht das Ausmaß eines Baldur’s Gate 3 erreicht. Wer hier Stunden mit dem Feintuning der Nase verbringen will, wird enttäuscht.

Dafür glänzt das System danach: Mit insgesamt 12 Klassen wie dem Kriegsherrn, Heiler oder Beschützer wird eine enorme spielerische Freiheit suggeriert. Das Schöne daran ist, dass die Klassen nur als Basis dienen. Im Spielverlauf dürfen wir die Fähigkeiten aller Klassen wild mixen und uns so einen ganz individuellen Helden zusammenbauen. Damit jeder seinen Spielstil findet, bietet das Spiel zudem drei Schwierigkeitsstufen an, die sich benutzerdefiniert noch weiter anpassen lassen. Das ist auch bitter nötig, denn wer wie ich kein Fan von taktischen Kämpfen ist, kann so zumindest die Geschichte genießen, ohne an den Mechaniken zu verzweifeln.

Ein Kampfsystem, das spaltet
Hier kommen wir zu meinem größten Kritikpunkt: dem Kampfsystem. Spiders hat sich fast komplett vom actionorientierten System des Erstlings entfernt und liefert stattdessen eine Mischung aus Dragon Age: Origins und Star Wars: Knights of the Old Republic. Vor allem die Option den Kampf jederzeit zu pausieren hat mich direkt an Star Wars KOTOR denken lassen. Man versucht hier sichtlich, dem Trend von Baldur’s Gate 3 hinterherzulaufen, ohne jedoch an die Stärken der Vorbilder heranzureichen. Es gibt zwar drei verschiedene Spielstile, die die Komplexität unterstreichen sollen, aber für mich wirkte das Ganze oft eher lästig als taktisch fordernd.

Obwohl die Steuerung gut an den Controller angepasst wurde, fehlten mir essenzielle Funktionen. Ich konnte beispielsweise nirgendwo eine Option finden, um die Fähigkeiten in der Kampfleiste neu zu sortieren oder zu bearbeiten – ein Unding für ein Spiel, das taktischen Anspruch erhebt. Auch das Schleichsystem fällt unterdurchschnittlich schlecht aus. Die KI ist im Grunde blind und taub; selbst wenn man direkt vor den Gegnern steht, dauert es ewig, bis sie einen bemerken. Das Verkleidungssystem ist zudem an das Level der Fähigkeit „Diskretion“ gekoppelt. Da man passende Verkleidungen aber ohnehin viel zu selten findet, fühlt sich jeder investierte Punkt hier wie Verschwendung an – zumal die Verkleidungen oft gar nicht erst funktionierten, was wohl einem der vielen Bugs geschuldet ist. Zudem ging die Performance auf der PlayStation 5 auch noch öfter in die Knie als mir lieb war.

Liebe zum Detail trifft auf technische Schwächen
Man spürt die Liebe der Entwickler in den handgefertigten Gebieten. Kein Ort gleicht dem anderen, und die extra für das Spiel erfundene Stammsprache zeigt, dass man hier bereit war, die sprichwörtliche Extrameile zu gehen. Ein praktisches Feature ist dabei der Investigations-Modus, der die Welt in Grau taucht und wichtige Dinge wie Truhen, Spuren oder Dokumente hervorhebt. Besonders cool: Erkenntnisse aus Dokumenten oder Gesprächen werden später aktiv in Dialogen aufgegriffen und schalten neue Optionen frei.


Ein Wermutstropfen für die Atmosphäre ist jedoch die Vertonung: Wer eine deutsche Sprachausgabe erwartet, wird enttäuscht. Das Spiel bietet lediglich eine englische Synchronisation. Die Texte und Untertitel sind zwar komplett auf Deutsch vorhanden, doch bei der Menge an Dialogen hätte eine lokale Sprachfassung der Immersion gutgetan.

Die Erkundung an sich fühlt sich durch die vielen Ressourcen und Truhen zunächst belohnend an, verliert aber auf lange Sicht massiv an Reiz. Man sammelt gefühlt nur noch Schrott ein. Das Loot-System ist ohnehin nicht ausbalanciert: Ein legendäres Schwert auf Stufe 1 kann stärker sein als eines auf Stufe 5. Da das Währungssystem ebenfalls nicht passt, konnte ich mir beim Händler schon früh die besten Waffen kaufen – bei über 8.000 Münzen im Inventar wirken Preise von 200 Münzen für ein Top-Schwert fast wie ein Scherz.

Die Begleiter: Lichtblicke im Trümmerhaufen
Wie in einem Mass Effect sind die Begleiter und ihre Quests das Herzstück der Interaktion. Man kann Beziehungen und Romanzen eingehen, und eine positive Bindung verbessert sogar passive Fähigkeiten wie Diplomatie oder Handwerk. Das ist motivierend, wird aber durch kleine Designfehler ausgebremst. So dienen die Lagerfeuer-Versammlungen nur der Neugruppierung. Will man mit seinen Gefährten reden, um mehr über eine Quest zu erfahren, muss man jedes Mal mühsam zurück auf das Schiff reisen. Dass die Ladezeiten gerade im späteren Verlauf, wenn man viel zwischen den Gebieten wechselt, extrem lang ausfallen, macht die Sache nicht angenehmer.

Zudem trüben Bugs den Spielspaß: Von hängengebliebenen Truhen-Animationen bis hin zu abgestürzten Dialogen war alles dabei. Besonders kurios war eine Quest, bei der ich einen Mann mit einem Seil aus einem Loch befreit hatte. Eine Stunde später saß derselbe Mann wieder im Loch und bat um Hilfe, die Quest galt aber weiterhin als abgeschlossen und eine erneute Interaktion war unmöglich.

Fazit
Greedfall II: The Dying World ist ein Spiel voller Ambitionen, das an seiner eigenen Komplexität und technischen Unreife stolpert. Die Geschichte und die tiefgreifenden Begleiter-Beziehungen sind fantastisch und atmen den Geist alter Bioware-Tage. Doch das neue, taktische Kampfsystem fühlt sich im Vergleich zum Vorgänger wie ein Rückschritt an. Wer den Erstling wegen seiner Action liebte, wird hier ebenso enttäuscht sein wie Spieler, die eine deutsche Sprachausgabe voraussetzen. Wer hingegen ein klassisches RPG mit viel Tiefgang sucht und über technische Macken sowie die rein englische Vertonung hinwegsehen kann, findet hier ein interessantes Abenteuer.
Pro & Contra
Pro:
+ Enorm komplexe Charakterentwicklung durch 12 mixbare Klassen.
+ Tiefgreifende Begleiter-Storys und Romanzen mit spielerischen Auswirkungen.
+ Wunderschöne, handgefertigte Gebiete und eine eigene Stammsprache.
+ Investigations-Modus erleichtert das Finden von Ressourcen und Geheimnissen.
Kontra:
– Taktisches Kampfsystem wirkt träge und unnötig kompliziert.
– Massive technische Probleme (Bugs, Abstürze, lange Ladezeiten).
– Keine deutsche Sprachausgabe (nur englische Vertonung mit deutschen Texten).
– Enttäuschendes Loot-System und völlig unbalancierte In-Game-Wirtschaft.
– Schwaches Schleichsystem und teils blinde Gegner-KI.
Wertung: 6.0/10 ⭐⭐⭐⭐⭐⭐☆☆☆☆
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