
Seit nunmehr 30 Jahren lehrt die Resident Evil-Reihe Fans weltweit das Fürchten, doch der Weg des Franchise war nicht immer von Jubelstürmen gepflastert. Spätestens 2012, als Resident Evil 6 die Fangemeinde spaltete, sahen viele das Ende der legendären Horror-Saga gekommen. Zu weit hatten sich die Entwickler mit einer überladenen Action-Ausrichtung von der ursprünglichen Vision eines beklemmenden Survival-Horror-Abenteuers entfernt. Doch Capcom gab sich nicht so leicht geschlagen und stieg mit Resident Evil 7 wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche empor.
Trotz der ungewöhnlichen neuen Ego-Perspektive, die bis dato Neuland für das Franchise war, besann man sich auf die Wurzeln der Reihe zurück. Der Actiongrad wurde drastisch reduziert, das Ressourcen-Management rückte wieder in den Fokus und die hauseigene RE Engine zauberte eine fotorealistische Grusel-Atmosphäre auf den Bildschirm. Mit Resident Evil Village orientierte man sich daraufhin wieder stärker am wegweisenden vierten Teil und brachte mehr Dynamik ins Spiel, ohne die First-Person-Ansicht aufzugeben.
Doch die Ego-Perspektive blieb ein Reizthema, das die Fangemeinde bis heute tief spaltet. Mit Resident Evil 9 Requiem wagt Capcom nun den wohl riskantesten Brückenschlag der Seriengeschichte: Man will sowohl die Hardcore-Survival-Fans der ersten Stunde als auch die Liebhaber der krachigen Action-Episoden (Teil 4 bis 6) abholen. Dafür teilt man die Kampagne konsequent auf zwei Charaktere auf: Grace und Leon.
Um dem jahrelangen Kamera-Streit endlich ein Ende zu setzen, geht Capcom diesmal sogar einen Schritt weiter: In Requiem lässt sich jederzeit nahtlos zwischen der Ego-Perspektive und der Third-Person-Ansicht wechseln. Aber kann das gut gehen? Können die zwei unterschiedlichen Ansätze Hand in Hand gehen oder ist das Projekt zum Scheitern verurteilt?
Wir haben uns für euch durch den Albtraum von Resident Evil Requiem gekämpft und verraten im Test, wo die Mischung zündet und an welchen Stellen Capcom das Konzept noch einmal hätte überdenken sollen. An dieser Stelle geht ein herzliches Dankeschön an Capcom, die uns ein Testmuster für diesen ausführlichen Check zur Verfügung gestellt haben.
Pures Next-Gen-Feeling
Normalerweise versuche ich die Technik erst am Ende eines Spieletests zu behandeln, doch Resident Evil Requiem ist dermaßen poliert und bugfrei, dass ich es schon jetzt lobpreisen muss. Die Grafik ist schlichtweg atemberaubend, fast schon fotorealistisch, und schon die ersten Spielminuten auf den verregneten und lebendigen Straßen versetzen einen unweigerlich in Staunen.

Was Capcom hier mit der RE Technik gezaubert hat, ist pures Next-Gen-Feeling, welches bisher nur wenige Titel zuvor auf der PS5 bieten konnten. Zudem können sich PS5-Pro-Besitzer über spürbare Vorteile freuen, denn die Pro-Version nutzt als erstes Spiel überhaupt das neue PSSR 2.0-Verfahren. Digital Foundry hat bereits bestätigt, dass diese neue Version von Sonys Upscaler eine außergewöhnlich klare Bildqualität liefert, die sich durch eine verbesserte temporale Stabilität, höhere Detailwiedergabe in Bewegung und weniger Kantenflimmern deutlich von der Standard-PS5 abhebt. Aber auch auf der normalen Konsole, auf der ich das Spiel testen konnte, sieht der Titel hervorragend aus und spielt sich tadellos.

Eine persönliche Geschichte voller Schrecken
Die Handlung führt uns in den mittleren Westen der USA, wo in einem verlassenen Hotel eine Leiche entdeckt wurde – der jüngste Vorfall in einer rätselhaften Reihe von Todesfällen. FBI-Kriminalanalytikerin Grace Ashcroft übernimmt den Fall, da sie bereits mit den vorangegangenen Morden vertraut ist. Alle Toten weisen dieselben mysteriösen schwarzen Flecken auf und stammen zudem allesamt aus Raccoon City. Für Grace ist der Einsatz besonders schwer, da es sich ausgerechnet um das Hotel handelt, in dem ihre Mutter vor acht Jahren ermordet wurde.

Doch die Ermittlung eskaliert: Grace wird von einem unbekannten Widersacher namens Viktor Gideon entführt. Als Leon S. Kennedy am Hotel eintrifft, kann er nur noch hilflos zusehen, wie Gideon die umstehenden Menschen in Zombies verwandelt, um Leon abzulenken und Grace in ein abgelegenes Sanatorium zu verschleppen. Dort warten die wohl größten Schrecken der Seriengeschichte auf die beiden Protagonisten.

Zwei Charaktere, zwei Welten
Spielerisch bekommen wir mit Grace und Leon zwei Stile geboten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während wir mit der verängstigten und verletzlichen Grace peinlich genau mit unseren Ressourcen hantieren müssen und jeglicher Bedrohung überwiegend aus dem Weg gehen, metzelt Leon mit Axt, Shotgun und seinem riesigen Requiem-Revolver alles nieder, was ihm vor die Augen tritt. Ressourcenmanagement kennt Leon nur aus der Vergangenheit; heute ist er für jede Situation gewappnet. Capcom hat hierbei eine klare Absicht: Spielt man das Spiel wie vorgesehen, steuert man Grace aus der Ego-Perspektive für maximale Immersion, während Leon klassisch aus der Schulter-Ansicht agiert.

Die Abschnitte mit Grace erinnern dabei an die alten Tugenden der Reihe, denn neben dem Inventar-Management müssen Rätsel gelöst werden, um einen Ausweg aus dem Sanatorium zu finden. Leider fallen diese Rätsel nicht besonders schwer aus, was vor allem daran liegt, dass wichtige Informationen in Dokumenten gelb hervorgehoben werden und man per Knopfdruck sofort das passende Dokument zum aktuellen Rätsel öffnen kann. Hier hätte Capcom den Spielern definitiv mehr Grips zutrauen können.

Besonders spannend fand ich die neue Identität der Zombies. Laut Game Director Koshi Nakanishi setzen die Untoten auf rund 100 unterschiedliche Persönlichkeiten, die Fragmente aus ihrem früheren Leben behalten. Auch wenn die Zahl von 100 in der Praxis wie eine PR-Übertreibung wirkt, ist das System dahinter beeindruckend unberechenbar. So gibt es Zombies, die kein Licht vertragen und sofort zum Lichtschalter rennen, wenn man diesen betätigt. Andere reagieren so empfindlich auf Lärm, dass sie nicht nur beleidigend werden, sondern sofort mit Stahlstangen angreifen und dabei im Eifer des Gefechts sogar andere Zombies ausschalten.

Grace bleibt trotz Munitionsknappheit nicht hilflos: Dank ihrer Fähigkeiten kann sie aus infiziertem Blut, welches man mit einem speziellen Gerät aus Lachen oder Eimern aufsammelt, eine Hämolysespritze basteln. Diese bringt Widersacher wie Luftballons zum Platzen und liefert einen Gewaltgrad, gegen den selbst ein modernes God of War wie ein harmloser Teen-Hack n´ Slay wirkt. Beeindruckend ist auch, dass besiegte Gegner an Ort und Stelle liegen bleiben, was zwar die Atmosphäre stärkt, aber auch eine spielerische Gefahr birgt, da sie als „Blister Heads“ mit aufgeplatzten Köpfen mutiert wiederauferstehen können und für noch mehr Terror sorgen.


Der Bruch in der Heldenreise
Sobald man mit Grace das Sanatorium abgeschlossen hat, darf Leon die Gänge freiräumen. Wir genießen die Action als Abwechslung, brechen Schränke und Türen auf, die Grace zuvor nicht öffnen konnte, und genießen die Actionausrichtung als Gegenpol zum gerade durchlebten Survival-Horror. Wer zudem noch das Parieren mit der Axt meistert, wird hier komplett unantastbar. Gerade die ersten Spielstunden sind einfach ein Geniestreich und untermalen, wie gut Capcom den Spagat zwischen Survival und Action Horror meistert, doch spätestens ab der Wiederkehr nach Raccoon City wendet sich das Blatt.

Hier bekommt das Gameplay erneut einen kleinen Twist, denn Leon wird für jeden Kill ab nun mit Punkten ausgezeichnet. Diese Punkte können wir an einer Truhe wie Währung bei einem Händler betrachten: Wir kaufen neue Waffen, verbessern diese in Aspekten wie Feuerkraft oder Feuerrate und decken uns mit Ressourcen ein. Das ist eine willkommene Mechanik, die den actionlastigen Aspekt belohnender ausfallen lässt. Zudem ist für mich das Wiedersehen mit Raccoon City ein wahrgewordener Kindheitstraum. Für mich ist Raccoon City nicht nur ein Schauplatz, sondern DAS ist Resident Evil. Das weiß natürlich auch Capcom und spielt gezielt mit meinen Gefühlen, vor allem wenn sie Einblendungen und Erinnerungen aus Leons Vergangenheit einspielen, um ihm mehr Charakter und Tiefe zu verleihen.

Doch aus meiner Sicht klappt das nicht so recht, denn die Entwickler können sich nicht entscheiden, ob Leon ein hartgesottener Badass mit coolen Sprüchen sein soll oder doch ein gebrochener Held, der jeden zu retten versucht. Auf der einen Seite steht er seelenruhig neben einer Krankenschwester und sieht in Ruhe zu, wie diese von einem Kettensägen schwingenden Zombie-Arzt zersägt wird, nur um anschließend trocken sagen zu können: „Ich hol mir lieber eine zweite Meinung.“ Später in Raccoon City hingegen sagt er bei der Erinnerung an einen Waffenladenbesitzer, der beim Zombie-Ausbruch seine Tochter verlor und sich selbst opferte: „Das wird mir nicht nochmal passieren.“ Hier hätte ich mir eine konsequentere Charakterzeichnung gewünscht.

Darüber hinaus verliert sich die in den anfänglichen Stunden so meisterlich erstellte Formel, und der actionlastige Anteil schwappt nun auf beide Spielstile über. Natürlich entdecken Grace und Leon erneut ein geheimes Biolabor von Umbrella und natürlich werden hier noch aktiv Biowaffen hergestellt. Dabei kehren alte ikonische Figuren zurück, die jedoch so schnell abgefrühstückt werden, dass man dieses Wiedersehen kaum genießen kann. Hier war ich recht enttäuscht, denn ich hatte auf eine ähnlich epische Inszenierung gehofft, wie in Resident Evil 2. In meinen Augen wirkt gerade das letzte Drittel sehr abgehetzt und überstürzt. Grace wird mit Ressourcen so zugeschüttet, dass auch sie nun in der Lage ist, jede Bedrohung mit Molotow-Cocktails oder einer Säureflasche schnell zu beseitigen. Zudem wirkt die Kulisse sehr unglaubhaft, wenn alles in Betrieb ist, jeder Computer läuft, aber keine Menschenseele auszumachen ist.

Motivation über die Credits hinaus
Was Resident Evil Requiem jedoch meisterhaft versteht, ist den Spieler auch nach dem Abspann bei der Stange zu halten. Sobald die Credits gerollt sind, hat der Wiederspielwert bei mir direkt „Klick“ gemacht und ich wollte sofort eine neue Runde starten. Das liegt zum einen an der neuen Schwierigkeitsstufe „Alptraum“, die man freischaltet, zum anderen an dem motivierenden Belohnungssystem. Durch spezielle Herausforderungen – etwa das Durchspielen in unter vier Stunden, das Abschließen ohne Heilitems oder auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad – verdient man sich Aktionspunkte.

Diese Punkte sind eine wahre Goldgrube für Fans: Man kann sie gegen besondere Gegenstände wie Talismane, neue Waffen, Konzeptzeichnungen, 3D-Modelle oder alternative Outfits eintauschen. Sogar handfeste Cheats wie unendlich Munition lassen sich so freischalten, was den erneuten Durchgang zu einem völlig anderen Erlebnis macht. Wer zudem die Geschichte komplett ergründen will, wird durch das zweite Ende motiviert, welches man durch einen weiteren Durchlauf (oder geschicktes Laden kurz vor Schluss) erreichen kann. Diese klassische Resident-Evil-Tugend sorgt dafür, dass das Spiel auch nach dem ersten Mal nicht im Regal verstaubt.

Fazit
Resident Evil 9: Requiem ist ein beeindruckendes zweigeteiltes Erlebnis. In seinen besten Momenten, besonders in den beklemmenden Stunden im Sanatorium mit Grace, erreicht das Spiel eine Atmosphäre und Immersion, die ihresgleichen sucht. Die technische Brillanz der RE Engine und das neue PSSR 2.0 machen das Spiel zu einem echten Vorzeigetitel für die PS5 Pro. Dass Capcom im letzten Drittel jedoch die Balance verliert, Leon charakterlich zwischen cooler Sau und tragischer Figur zerreißt und das Finale überstürzt durch die Gänge peitscht, verhindert den Sprung in den absoluten Wertungsolymp. Dennoch ist es ein Pflichtkauf für Fans, die den Spagat zwischen klassischem Horror und moderner Action wagen wollen.
Pro & Contra im Überblick
Pro
- Atemberaubende Grafik: PSSR 2.0 auf der PS5 Pro sorgt für eine bisher unerreichte Bildklarheit.
- Perfekte Atmosphäre: Die Soundkulisse und die RE Engine erschaffen einen fast fotorealistischen Albtraum.
- Gelungener Perspektivwechsel: Die Wahl zwischen Ego- und Third-Person-Ansicht funktioniert hervorragend.
- Innovative Zombies: Individuelle Verhaltensmuster der Untoten sorgen für taktische Tiefe.
- Brutaler Splatter: Der Gewaltgrad und die Hämolysespritze setzen neue Maßstäbe für das Genre.
Contra
- Abgehetztes Finale: Das letzte Drittel wirkt im Vergleich zum starken Beginn überhastet und unglaubwürdig.
- Zu einfache Rätsel: Gelbe Markierungen und Hilfestellungen unterfordern erfahrene Spieler.
- Inkonsequente Charakterzeichnung: Leon findet nicht die richtige Balance zwischen Badass und gebrochenem Helden.
- Survival-Verlust: Gegen Ende wird man mit zu vielen Ressourcen zugeschüttet.
Wertung: 8.5/10 ⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐☆☆
| Kategorie | Details |
| Titel | Resident Evil 9: Requiem |
| Plattformen | PC, PlayStation 5 (Pro), Xbox Series X/S |
| Entwickler | Capcom |
| Publisher | Capcom |
| Release | 27. Februar 2026 |
| Genre | Action Adventure, Horror, Puzzle, Shooter |
| Preis | ab 69,99€ (PC), ab 79,99€ (Konsolen) |
| Spielzeit | ca. 10–16 Stunden |
Kommentar hinterlassen