
Mit Tencent Games Central Tech hat der chinesische Publisher-Riese auf der gamescom 2026 erstmals eine ganze Familie eigener KI-Technologien unter einer gemeinsamen Marke präsentiert. Im Zentrum: Motus, eine KI-Pipeline, die aus einem simplen Textprompt binnen Sekunden animierte 3D-Charaktere erzeugt – plus fünf weitere Tools für Grafik, KI-Agenten, Anti-Cheat, Sprachchat und automatisiertes Testing.
Während auf den großen Bühnen der gamescom vor allem neue Spiele im Rampenlicht stehen, hat Tencent Games in Köln einen deutlich technischeren, aber nicht weniger interessanten Auftritt hingelegt: Mit Tencent Games Central Tech gab der Publisher sein Debüt als eigenständige Technologie-Marke – und zeigte gleich sechs hauseigene KI- und Engine-Lösungen, die aus jahrzehntelanger Erfahrung in der industriellen Spieleentwicklung entstanden sind.
Motus: Vom Textprompt zur fertigen 3D-Animation
Das prominenteste der sechs Tools ist Motus, ein KI-Team, das sich der intelligenten Erstellung digitaler Charaktere verschrieben hat. Aufbauend auf einer eigenen Familie generativer Animations-Foundation-Modelle verbindet Motus sämtliche Produktionsschritte der Charakteranimation zu einer durchgehenden Pipeline: Rigging, Skinning, text-, video- und keyframe-gesteuerte Bewegungserzeugung, Bewegungsverfeinerung und Echtzeit-Interaktion.
Der Grundgedanke dahinter: Generative KI kann zwar beeindruckende Bewegungen erzeugen, doch Animation besteht aus deutlich mehr als nur der reinen Bewegungsgenerierung. Bevor ein Charakter animiert werden kann, muss er zunächst geriggt und geskinnt werden, und generierte Bewegungen müssen häufig nachbearbeitet werden – etwa um Zittern, Mesh-Durchdringungen, Gelenkfehler oder rutschende Füße zu korrigieren. Bleiben diese Fähigkeiten über verschiedene Einzeltools verstreut, geht die durch KI gewonnene Zeit schnell wieder durch ständiges Tool-Wechseln und manuelle Nacharbeit verloren.
Genau hier setzt Motus an: Das System analysiert die Topologie eines Charakters und generiert binnen Sekunden produktionsreife Skelette, erstellt anschließend Skinning-Gewichte für eine natürliche Verformung von Muskeln, Kleidung und Körperteilen und unterstützt sowohl Einzelbewegungen als auch Mehrfachcharakter-Interaktionen für Kampf-, Kooperations- und Sozialszenen. Erkannte Animationsfehler werden automatisch korrigiert, sodass die Ergebnisse deutlich näher an eine direkte Produktionsreife heranrücken. In der finalen Stufe können Audio oder Text sogar in Echtzeit Mimik, Körperbewegung und interaktive Reaktionen steuern – etwa für intelligente NPCs, digitale Menschen oder virtuelle Moderatoren.
Bereits im Einsatz ist Motus in einer ganzen Reihe bekannter Tencent-Titel, darunter Game for Peace, PUBG Mobile, Delta Force, Honor of Kings, Roco Kingdom, League of Legends und Teamfight Tactics.
Live-Demo und Vortrag auf der Gamescom Dev
Am 24. August hielt Motus-Technikleiter und Forscher Zijiao Zeng auf der Gamescom Dev den Vortrag „Breathing Life into Geometry 2.0: Advancing the Unified AI Pipeline for 3D Character Animation“, in dem er erläuterte, wie Motus verschiedene Foundation-Modelle zu einem einheitlichen Workflow verbindet und dabei Stabilität, Kontrollierbarkeit und Effizienz für den Produktionseinsatz sicherstellt.
An den Ständen von Gamescom Dev und gamescom selbst konnten Besucher das System zudem live ausprobieren: Ein einfacher Textprompt genügte, um in Echtzeit eine flüssige 3D-Animation zu erzeugen, während Motus-Spezialisten vor Ort weitere Fähigkeiten des Systems demonstrierten.
MagicDawn: Wenn KI und Cloud-Computing das Rendering neu denken
Neben Motus präsentierte Tencent Games Central Tech mit MagicDawn ein zweites Herzstück seiner Technologie-Familie – dieses Mal für Grafik und Rendering. Unter dem Motto „Rendering the Future“ verspricht MagicDawn, mithilfe von KI und Cloud-Computing audiovisuelle Spielerlebnisse neu zu definieren. Das Portfolio umfasst fünf Kernprodukte, die den gesamten Entwicklungszyklus abdecken und mit allen gängigen Game-Engines kompatibel sind:
- Cross-Engine Global Illumination (GI): Eine universelle, cloud-basierte Beleuchtungslösung, die AAA-Grafikqualität bei geringerem Rechenaufwand ermöglichen soll – inklusive vollständiger Toolchain für Open-World-Szenarien.
- Neural Dynamic Global Illumination (NDGI): Neuronal gesteuerte, dynamische Beleuchtung mit Echtzeit-Inferenz direkt auf dem Endgerät, die sich laut Tencent der Qualität von Offline-Rendering annähert.
- Immersive Spatial Audio: Eine vollautomatisierte Räumlichklang-Pipeline, die mittels KI realistische Klangfelder rekonstruiert.
- AI Package Compression: Eine KI-gestützte Komprimierung, die Spielpakete um über 30 Prozent verkleinern soll, ohne dabei Texturen oder Animationen sichtbar zu beeinträchtigen.
- Live Game Visual Remaster: Ein Tool, das bestehende Live-Spiele mithilfe von KI-gestützten Upgrades und moderner Rendering-Technik grafisch auf den Stand von Unreal Engine 5 bringen soll.
Als praktisches Beispiel zeigte Tencent auf der gamescom, wie MagicDawns Technologien geholfen haben, das klassische Browserspiel Roco Kingdom in eine 64 Quadratkilometer große, plattformübergreifende Open-World-Erfahrung zu verwandeln – bei konstant hoher visueller Qualität.
GIGA: Spiele als Trainingsumgebung für KI-Agenten
Ein weiterer, deutlich forschungsnäherer Baustein ist das GIGA-Team (General Instructable Game Agents). Statt Inhalte zu produzieren, geht es hier um Grundlagenforschung: GIGA nutzt Videospiele als hochinteraktive, komplexe und überprüfbare Testumgebungen, um zentrale KI-Fragestellungen zu erforschen – etwa generelle Entscheidungsfindung über verschiedene Spiel-Genres hinweg, das Zusammenspiel von Sprache und Handlung sowie kontinuierliches Lernen in kompetitiven und kooperativen Situationen.
Drei Schwerpunkte stehen dabei im Fokus: generelle visuelle Entscheidungsfindung (ein einzelnes Modell soll in unterschiedlichsten Spielen die richtigen Entscheidungen treffen, indem es Szenen inhaltlich versteht statt nur Pixel auswendig zu lernen), Sprache-Handlung-Abgleich (KI-Agenten sollen offene, natürlichsprachliche Anweisungen verstehen und im Wettkampf-Tempo präzise umsetzen können) sowie Echtzeit-Wettbewerbsentscheidungen (Foundation-Modelle sollen unter Millisekunden-Zeitdruck Frame für Frame reagieren können – ein deutlich härterer Test als klassische Textgenerierung). Laut Tencent ist das erklärte Ziel, KI-Agenten von reinem „Verstehen“ hin zu echtem, situativem „Handeln“ in dynamischen virtuellen Welten weiterzuentwickeln.
Anti-Cheat Expert: Zwei Jahrzehnte Erfahrung im Kampf gegen Cheater
Für die langfristige Fairness in Online-Spielen ist bei Tencent seit 2005 Anti-Cheat Expert (ACE) zuständig. Aus einer einfachen Anti-Bot-Lösung für das MMORPG QQ Fantasy entstand über die Jahre ein umfassendes Schutzsystem, das mittlerweile Spiele wie PUBG, Call of Duty Mobile und Honor of Kings absichert. ACE bietet dabei mehrstufige Schutzmaßnahmen für Mobile- und PC-Spiele: von Client-seitigem Game-Hardening über Server-seitige Cheat-Erkennung bis hin zu einem globalen Cheat-Intelligence-Netzwerk mit über 100 Bedrohungs-Kanälen und mehr als 150.000 gesammelten Cheat-Proben in Sprachen wie Chinesisch, Englisch, Japanisch, Koreanisch, Arabisch und Spanisch.
Neben klassischer Cheat-Erkennung deckt ACE inzwischen auch das sogenannte In-Game Economic Risk Management ab: Mithilfe KI-gestützter Analysen sollen illegale Handelsaktivitäten, Gold-Farming-Netzwerke und Schwarzmarkt-Accounts aufgespürt und die wirtschaftliche Stabilität von Live-Spielen geschützt werden. 2026 launchte ACE zudem die nach eigenen Angaben branchenweit erste Anti-Cracking-Lösung für iOS-Hardening sowie den ersten öffentlichen Leitfaden für den Aufbau fairer und sicherer Games-Ökosysteme.
GVoice und WeTest: Sprachchat und automatisiertes Testing
Abgerundet wird das Portfolio durch zwei weitere Tools: GVoice liefert latenzarme, zuverlässige Sprachkommunikation mittels KI-Rauschunterdrückung, einem proprietären KI-Audio-Codec und Echtzeit-Sprachübersetzung – praktisch für internationale Multiplayer-Titel. WeTest Acorn AI Studio wiederum lässt KI-Agenten Spiele wie echte Spieler erleben und wie erfahrene Test-Spezialisten Probleme identifizieren, und das genreübergreifend auf verschiedensten Plattformen.
Vier Fachvorträge, ein gemeinsamer roter Faden
Neben den Live-Demos an den Ständen hielt Tencent Games Central Tech auf der gamescom insgesamt vier Fachvorträge für Entwickler weltweit: neben dem bereits erwähnten Motus-Talk auch „Building Autonomous AI Agents for FPS Battlefields“, „Lighting Up Roco Kingdom: Best Practices for High-Performance Global Illumination“ sowie „From Scripts to AI Agents: Scalable Autonomous Testing for Complex Games“. Der gemeinsame Tenor: Die Branche bewege sich zunehmend weg von der Bewertung einzelner KI-Tools hin zur Entwicklung von Technologien, die sich stabil und wiederverwendbar in bestehende Produktionsabläufe integrieren lassen.
Ausblick
Tencent Games Central Tech betont, man arbeite auf Basis der bereits in eigenen Projekten validierten Technologien bereits an der nächsten Entwicklungsstufe – unter anderem an sogenannten „World Models“ und Echtzeit-interaktivem Video. Gemeinsam mit Entwicklern und Industriepartnern weltweit wolle man so die nächste Generation von Spielerlebnissen mitgestalten.
Für die Branche dürfte vor allem interessant sein, wie konsequent Tencent seine KI-Werkzeuge nicht als einzelne Gimmicks, sondern als durchgängige, produktionsreife Infrastruktur positioniert – ein Ansatz, der angesichts der schieren Größe des eigenen Spiele-Portfolios durchaus Gewicht hat.

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