
Nach dem ersten Industria war ich ehrlich gesagt gespannt. Ein deutsches Indie-Team, das sich an einer Mischung aus Half-Life, BioShock und Amnesia in einer surrealen Parallelwelt versucht – das klang nach genau dem richtigen Setup für ein atmosphärisches Shooter-Erlebnis.
Nach knapp fünf Stunden lief dann der Abspann über den Bildschirm. Und statt Begeisterung blieb bei mir vor allem eines hängen: Ernüchterung. So schade es auch ist, denn die Prämisse und die Grundatmosphäre haben mich eigentlich direkt abgeholt – aber in seinem aktuellen Zustand kann ich das Spiel nicht empfehlen. Eher im Gegenteil: Industria 2 wirkt schlicht nicht fertig.
Wenn die Immersion an der Technik zerbricht
Das Grundgerüst ist eigentlich vielversprechend. Wir steuern Nora, eine Wissenschaftlerin, die in einer Dimension voller feindseliger Roboter gestrandet ist und versucht, in das Ost-Berlin von 1989 zurückzukehren. In seinen besten Momenten weckt das Spiel Erinnerungen an die großen Klassiker. Das Gunplay mit Pistole, Shotgun und Maschinenpistole ist moderat, das Trefferfeedback griffig – nichts Revolutionäres, aber absolut ausreichend.

Auch die physische Interaktion mit der Spielwelt hat mich gefreut: Türen und Schubladen greifen wir per Knopfdruck und ziehen sie mit der Maus oder dem Analogstick auf – ein schönes Detail, das direkt von der Amnesia-Reihe inspiriert scheint. Doch was bringt all die Liebe zum Detail, wenn die Welt um einen herum ständig auseinanderfällt? Zudem ist der Controller-Support nur rudimentär vorhanden, so wie scheinbar alles im Spiel. Obwohl ich mit dem Controller gespielt habe, blieb das Layout für die Tasten an Tastatur und Maus angepasst. Eine von nur vielen Baustellen.

Mit jeder Spielstunde wurde ich mehr mit Bugs bombardiert:
- Clipping-Fehler und unsaubere Animationen: Objekte schweben in der Luft, Strukturen hören plötzlich auf zu existieren und Nora glitcht durch die Umgebung.
- Fehlerhafte Assets: Das Upgrade-System nutzt orangefarbene Platzhalter-Grafiken für Waffen-Mods, die dann nicht einmal an der Waffe hängen, sondern daneben in der Luft schweben.
- Sound- und Textpatzer: Dialoge werden teilweise gar nicht abgespielt und Texte sind oft unvollständig übersetzt.
Ein Inventar zum Verlieben – mit Hindernissen
Das absolute Highlight ist paradoxerweise das System, das eigentlich die Immersion fördern soll: das Inventar. Nora breitet ihren Koffer in Echtzeit auf dem Boden aus. Wir sehen alles vor uns, craften Ressourcen und rüsten uns aus, während die Welt um uns herum weiterläuft. Ein riskanter, aber fantastischer Kniff.

Leider macht die Technik auch hier vor dem Spielspaß halt. Wer sich in gebückter Haltung versteckt und schnell ins Inventar schauen will, bekommt nur die Meldung, dass dafür kein Platz sei. Erst wenn Nora kerzengerade im Raum steht (und damit für jeden Roboter sichtbar ist), lässt sich der Koffer öffnen. Ein Bug, der den taktischen Nutzen dieser eigentlich tollen Mechanik massiv einschränkt.


KI-Dummheit und der ewig gleiche Loop
Wichtig zu erwähnen: Ich habe Industria 2 auf dem Schwierigkeitsgrad „Normal“ durchgespielt. Natürlich kann die Erfahrung auf „Schwer“ in Sachen Ressourcenknappheit und Gegner-Aggression noch einmal abweichen, aber auf meiner Stufe agierten die Roboter wie die berüchtigten Stormtrooper aus Star Wars: Sie treffen kaum etwas und lassen sich selbst in Gruppen leicht ausspielen.
Einzig die knappe Munition und die Ausdauerleiste, die Noras Nahkampfangriffe limitiert, halten die Spannung künstlich aufrecht. Doch egal, wie hoch man den Regler stellt: Die technischen Patzer und die mangelnde Politur lassen sich leider von keinem Schwierigkeitsgrad der Welt beeindrucken. Die Bugs bleiben ein konstanter, frustrierender Begleiter.

Richtig enttäuschend ist jedoch der Gameplay-Loop. Das Spiel ist extrem linear und die „Rätsel“ verdienen diesen Namen kaum. Das Schema ist immer gleich:
- Man stößt auf eine verschlossene Tür (Kette, Code oder Schlüssel).
- Man läuft bis zum Ende des Levelabschnitts, findet dort die Zange, den Zettel mit dem Code oder den Schlüssel.
- Man läuft den gesamten Weg zurück (Backtracking), öffnet die Tür und betritt den nächsten Bereich, wo das Spiel von vorne beginnt. Das sorgt für viel zu wenig Abwechslung und fühlt sich eher nach Beschäftigungstherapie als nach klugem Gamedesign an.
Unreal Engine 5 im Leerlauf
Dank der Unreal Engine 5 und Lumen sieht das Spiel stellenweise zwar schick aus, aber unsaubere Wasser-Animationen und die bereits erwähnten schwebenden Objekte im Finale trüben das Bild gewaltig. Besonders seltsam: Obwohl ein deutsches Team hinter dem Spiel steht, gibt es keine deutsche Sprachausgabe. Dass man den internationalen Markt anpeilt, ist verständlich – aber die eigenen Fans im Heimatmarkt so außen vor zu lassen, hinterlässt einen faden Beigeschmack.
Fazit
Industria 2 hat das Herz am rechten Fleck und die Atmosphäre eines Half-Life oder Bioshock im Blut. Aber in seinem aktuellen Zustand ist es eine technische Baustelle. Die Masse an Bugs, das repetitive Leveldesign und die fehlende Politur machen es unmöglich, hier eine Empfehlung auszusprechen. Wer das Szenario liebt, sollte mindestens ein halbes Jahr warten und auf massive Patches hoffen. Aktuell ist es leider eine Enttäuschung auf ganzer Linie.
Wertung: 5.0 / 10
Pro & Kontra
Pro:
- Atmosphärisches Setting: Toller Mix aus industriellem Verfall und borealer Natur.
- Immersives Inventar: Das Kofferkonzept ist frisch und passt perfekt zur Welt.
- Griffiges Gunplay: Trefferfeedback und Interaktion (Türen/Schubladen) fühlen sich gut an.
Kontra:
- Bug-Katastrophe: Von Clipping-Fehlern über schwebende Items bis hin zu Sound-Aussetzern ist alles dabei.
- Repetitives Gamedesign: Öder Loop aus verschlossenen Türen und simplem Backtracking.
- Dämliche KI: Gegner stellen kaum eine taktische Herausforderung dar.
- Unfertige Upgrades: Waffen-Mods mit fehlenden Assets und unpräzises Fadenkreuz-Zielen.
- Sprachbarriere: Keine deutsche Synchro trotz deutschem Entwicklerteam.




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