
„Mein Name ist Bond. James Bond.“ Diesen Satz hat bestimmt jeder von euch schon mindestens einmal im Leben gehört. Ian Flemings berühmter Spion mit dem Codenamen „007“ begeistert seit 1953 Fans auf der ganzen Welt. Was einst als Roman begann, hat längst nicht mehr nur die Filmlandschaft, sondern auch die Welt der Videospiele erobert. Doch während Filmfans zuletzt 2021 mit Keine Zeit zu sterben Daniel Craig in der Rolle des Spions erleben durften, dürstet es Videospielfreunde schon deutlich länger nach einem neuen, würdigen James-Bond-Spiel.
Doch angesichts der Art und Weise, wie die letzten Ableger wie Ein Quantum Trost, Blood Stone und das besonders misslungene 007 Legends von Spielern und Kritikern aufgenommen wurden, haben vermutlich nicht wenige – mich eingeschlossen – kaum noch an ein Bond-Spiel geglaubt, das an den Nintendo-64-Klassiker GoldenEye 007 heranreicht. Letzteres betrachte ich, auch nach all den Jahren seit seinem Erscheinen 1997, bis heute als das beste Bond-Spiel aller Zeiten. Wird es also endlich Zeit, dass es abgelöst wird?
Wenn es nach den dänischen Entwicklern von IO Interactive geht, dann wird die Frage eindeutig mit einem Ja beantwortet. Diese veröffentlichten am 27. Mai 2026 das neueste Bond-Abenteuer 007: First Light für PC, PlayStation 5 sowie Xbox Series X/S. Eine Portierung für die Nintendo Switch 2 soll im 3. Quartal 2026 folgen. Wir alle kennen IO Interactive vor allem für die grandiose Hitman-Reihe und nicht wenige befürchteten ein Hitman im Bond-Kostüm. Schaffen sie es, die Kritiker umzustimmen? Um das herauszufinden, haben wir uns in den engen Anzug von James Bond gezwängt und ein unvergessliches Abenteuer erlebt. Vielen Dank an dieser Stelle an IO Interactive, die uns zu diesem Zweck ein Testmuster für die PS5 zur Verfügung gestellt haben.
Ein junger, unerfahrener Bond betritt die Bühne
Vergesst den abgeklärten, mit allen Wassern gewaschenen 007, den wir aus unzähligen Filmen kennen. In 007: First Light treffen wir auf einen James Bond, wie wir ihn so noch nie erlebt haben: Patrick Gibson verkörpert einen 26-jährigen Rekruten der Royal Navy, der – fernab vom Glamour der Luxus-Casinos – erst noch lernen muss, was es bedeutet, eine Lizenz zum Töten zu besitzen.
Die Geschichte beginnt mit einem harten Schicksalsschlag: Als einziger Überlebender eines Helikopterabsturzes in Island widersetzt sich der junge Bond seinen Befehlen, um Geiseln zu retten. Diese eigenwillige Entschlossenheit erregt die Aufmerksamkeit von „M“, die ihn für das neu aufgestellte 00-Programm rekrutiert. An der Seite bekannter Ikonen wie Q und Moneypenny muss Bond sein Können unter Beweis stellen. Doch die Ausbildung unter dem strengen Mentor John Greenway entwickelt sich schnell zum Albtraum. Als ein Einsatz in der Slowakei blutig scheitert und ein ehemaliger 00-Agent zum Gejagten wird, gerät Bond in das Netz einer weitreichenden Verschwörung.

Der Dreh- und Angelpunkt ist THEIA, ein Quantencomputer der neuesten Generation, der Spionagearbeit zwar revolutioniert, aber auch tödliche Fehler in der Berechnung von Schuld und Unschuld begeht. Was als klassische Jagd auf einen Verräter beginnt, wird für Bond zu einer Reise durch Mauretanien, Vietnam und die eisige Antarktis – stets getrieben von dem Ziel, korrupte Drahtzieher zu stoppen, bevor sie die politische Ordnung Großbritanniens destabilisieren.
Dabei bleibt First Light erfreulich nah an den literarischen Wurzeln von Ian Fleming: Bond ist hier kein unantastbarer Superheld, sondern ein verletzlicher, oft emotional handelnder Mensch, der mit dem Verlust von Kameraden und dem Zynismus des Geheimdienst-Alltags zu kämpfen hat. Erst ganz am Ende findet er zu seiner Identität. Mit der offiziellen Aufnahme ins 00-Programm schließt sich der Kreis – der Agent, den wir alle kennen, ist geboren.
Zwischen John Wick-Momenten und spielerischer Freiheit
Die Befürchtung vieler Fans, IO Interactive würde uns hier einfach nur ein Hitman im Bond-Kostüm vorsetzen, lässt sich nach den ersten Stunden schnell entkräften. 007: First Light ist ein Action-Adventure, das seine Modi flüssig zwischen sozialer Infiltration, Stealth und knalligen Set-Pieces wechselt.
Das Herzstück ist ein Kampfsystem, das bei mir einen zwiespältigen, aber letztlich positiven Eindruck hinterlassen hat. IO Interactive setzt beim Nahkampf ganz offen auf das bewährte Freeflow-System der Batman: Arkham-Reihe. Das funktioniert dank der intuitiven Steuerung meist hervorragend: Das Muskelgedächtnis greift, Angriffe und Konter fließen ineinander über. Dennoch erreicht der Flow des jungen Bond nicht ganz die Perfektion seines Vorbilds aus Gotham. Besonders bei „kräftigen“ Gegnern gerät der Rhythmus ins Stocken: Wer diese Brocken trotz offener Deckung mit Schlägen eindecken will, beißt auf Granit. Man muss hier zwingend das Ausweichmanöver nutzen, sonst landet man schneller im Mobiliar, als man „Martini“ sagen kann.

Gerade auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad „Purist“ ist das kein bloßer Schluckauf, sondern lebensnotwendig – James Bond hält hier nur wenige Treffer aus. Trotz dieser kleinen, mechanischen Stolpersteine habe ich schon lange nicht mehr so viel Spaß an einem Kampfsystem gehabt, vor allem weil sich die Schläge und Tritte schön wuchtig anfühlen. Kombiniert mit einem Gunplay, das sich in seinen besten Momenten eher nach John Wick als nach Agenten-Plauderei anfühlt, ist der Mix aus Nah- und Fernkampf mehr als gelungen.
Nah- und Fernkampf sind hier engmaschig miteinander verknüpft, denn dieser Bond weiß nicht nur, wie man präzise kämpft, sondern auch, wie man Gegner entwaffnet. Für fast jede Situation hat Bond die passende Lösung parat und wir Spieler müssen sie nur abrufen. Seit langem hatte ich nicht mehr so viel Spaß in einem Third-Person-Shooter.

Schattenseiten im Cockpit und bei der Hitman-DNA
Wo viel Licht ist, gibt es leider auch Schatten. Während das Kämpfen und Schleichen überzeugt, haben mich die actionreichen Fahrsequenzen ziemlich enttäuscht. Sie wirken zu arcadelastig und lassen jedes Geschwindigkeitsgefühl vermissen. Zudem sind sie so stark geskriptet, dass man sich wie auf Schienen fühlt, anstatt wirklich frei agieren zu können.

Dass in den Schleicheinlagen die Hitman-DNA durchschimmert, ist hingegen ein Segen. Die Infiltrationsareale sind herrlich komplex und bieten uns gefühlt unzählige Wege zum Ziel. Allerdings nimmt uns das Spiel – anders als bei Agent 47 – deutlicher an die Hand: Wer bei der Fülle an Möglichkeiten den Überblick verliert, kann sich über die „Q-Watch“ einen Questmarker für den bevorzugten Weg einblenden lassen – vorausgesetzt, man hat die Informationen dazu entdeckt.
Besonders brillant bleibt Bonds „Social Engineering“. Als Meister der Manipulation schüttelt er – je nach Rang des Gegenübers – eine Ausrede aus dem Ärmel, um sich in verbotenen Zonen zu bewegen. Mal sind das geskriptete Momente, mal haben wir spielerisch die volle Kontrolle. Es fühlt sich verdammt cool an und wird durch ein Dialogbuch untermauert, das dem jungen Bond diesen trockenen Teufelskerl-Charme verleiht, den er braucht, um auch in brenzligen Situationen zu glänzen.

Die Werkzeuge eines Doppelnull-Agenten: Zwischen Taktik und Spielerei
Was wäre ein Spion ohne seine Gadgets? Natürlich wird auch der junge Bond vom eigensinnigen Wissenschaftler Q mit zahlreichen Hilfsmitteln versorgt, die ihn aus brenzligen Situationen retten. Neben Klassikern wie Blend- oder Rauchbomben gibt es Werkzeuge, die völlig neue Wege eröffnen: Ein Laser kann beispielsweise Vorhängeschlösser „wegbrutzeln“ oder Gegner irritieren, während ein Giftpfeil für die nötige Ruhe sorgt. Besonders unterhaltsam sind die absurderen Erfindungen, etwa ein Raketen-Füllhalter, der bei Bedarf explosive Projektile verschießt.

Das clevere Design dabei: Vor jeder Mission müsst ihr euch im Q-Labor für maximal drei Hilfsmittel entscheiden. Da ihr nie genau wisst, was euch erwartet, zwingt euch das Spiel dazu, taktisch zu planen – ein Element, das massiv zum Experimentieren und erneuten Durchspielen einlädt. Für einen hohen Wiederspielwert sorgen zudem die spezifischen Herausforderungen, mit denen ihr neue Kostüme für den optionalen Spielmodus TacSim freischaltet. Für Puristen gibt es also auch nach dem Abspann noch ordentlich zu tun, wodurch die Spielzeit von den ohnehin schon soliden 15 Stunden der Kampagne locker auf 30 Stunden und darüber hinaus anwachsen kann.

Technik-Check: Filmreife Optik vs. technische Kompromisse
Wie schlägt sich der Agent auf der PlayStation 5? 007: First Light nutzt eine moderne, softwarebasierte Raytracing-Global-Illumination (RTGI), die für eine fantastische Lichtstimmung sorgt. Allerdings zeigen die technischen Analysen (unter anderem von Digital Foundry) ein zweigeteiltes Bild. Auf der regulären PS5 setzt das Spiel im Performance-Modus auf FSR 3.1.5, um die angestrebten 60 FPS zu erreichen. Intern rendert der Titel dabei jedoch offenbar in einer Auflösung von lediglich 720p. Das Ergebnis ist ein teils „weiches“ Bild, bei dem Vegetation pixelig wirken kann und bei schnellen Kameraschwenks Artefakte auftreten. Der Qualitätsmodus bietet mit etwa 1152p zwar ein ruhigeres Bild bei 30 FPS, doch der visuelle Zugewinn ist überschaubar. Wer eine PlayStation 5 Pro besitzt, ist hier klar im Vorteil: Dank PSSR-Upscaling generiert die Konsole ein deutlich schärferes Gesamtbild bei stabilen 60 FPS.
Trotz dieser Schwächen bei der Bildschärfe auf der Basis-Konsole: Das Spiel sieht moderner aus als alles, was IO Interactive bisher abgeliefert hat. Die filmreifen Zwischensequenzen und die dichte Atmosphäre kaschieren die technischen Kompromisse in den meisten Momenten geschickt. Dennoch sollten PS5-Spieler, die sehr viel Wert auf eine knackscharfe 4K-Präsentation legen, ihre Erwartungen auf der Standard-Konsole etwas zügeln.

Fazit
Mein Urteil fällt nach den knapp 15 Stunden auf dem „Purist“-Schwierigkeitsgrad eindeutig aus: 007: First Light ist das beste James-Bond-Spiel, das jemals den Weg auf unsere Bildschirme gefunden hat. IO Interactive hat es geschafft, die Essenz des Spions einzufangen und in ein modernes, spielerisch abwechslungsreiches Korsett zu pressen, das den legendären GoldenEye-Klassiker nach all den Jahren endlich vom Thron stößt.
Trotz kleinerer Schluckaufs im Kampf-Flow und der schwächelnden Fahrsequenzen überwiegt der Spaß an der Inszenierung bei weitem. Wir haben hier einen jungen Bond, der sich menschlich anfühlt, eine Geschichte, die smart geschrieben ist, und ein Gameplay, das sich zwischen Hitman-Taktik und John-Wick-Action genial anfühlt. Ich kann nur inständig hoffen, dass IO Interactive die Lizenz behält und uns in Zukunft mit weiteren Abenteuern versorgt. Dann aber bitte mit noch mehr Mut zum Experiment: Ich wünsche mir für die Fortsetzung noch mehr spielerische Freiheiten, ein bis zur Perfektion geschliffenes Kampfsystem, technisch abwechslungsreichere Gadgets und Fahrsequenzen, die sich tatsächlich nach Adrenalin anfühlen. Das Fundament ist gelegt – der Grundstein für eine neue Ära von Videospiel-Bond ist gesetzt.
Wertung: 9.0 / 10
Pro & Kontra
Pro:
- Der neue Thronfolger: Das wohl beste und atmosphärischste Bond-Erlebnis der Spielegeschichte.
- Spielerische Freiheit: Fantastischer Mix aus Infiltration, Stealth und wuchtigem Gunplay.
- „Social Engineering“: Ein brillant umgesetztes Dialog-System, das Bond als Manipulator glänzen lässt.
- Filmreife Origin: Spannende, erwachsene Geschichte mit toll besetzten Charakteren.
- Technik-Highlight: Erstklassige UE5-Optik, grandiose Lichteffekte und ein stimmungsvoller Score.
- Hoher Wiederspielwert: Die verschiedenen Lösungswege und TacSim-Herausforderungen motivieren langfristig.
Kontra:
- Fahrsequenzen: Zu arcadelastig, geskriptet und ohne echtes Geschwindigkeitsgefühl.
- Kampf-Flow: Das Kampfsystem erzeugt nicht immer den flüssigen Flow eines Batman: Arkham.
- Bildschärfe (Basis-PS5): Die niedrige interne Auflösung sorgt besonders im Performance-Modus für ein weiches Bild.
- Sprachausgabe: Leider keine deutsche Synchro, nur Untertitel.
- Technik-Kleinigkeiten: Gelegentliche Probleme beim Anvisieren von Objekten in dichten Arealen.




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