Planescape: Torment + Icewind Dale: Enhanced Edition im Test – Ein Trip in die Vergangenheit

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Die beiden Rollenspiel-Klassiker “Planescape: Torment” und “Icewind Dale” haben schon einige Jahre auf dem Buckel und konnten damals durchaus überzeugen. “Planescape: Torment” stammt aus dem Jahr 1999 und erreichte einen Metascore von 91 und einen User-Score von 9.2. “Icewind Dale” erschien nur ein Jahr später am 29. Juni 2000 und erreichte einen Metascore von 87 sowie einem User-Score von 8.3. Von solchen Wertungen können viele Studios nur träumen, doch nur wenige Spieler werden sich heute noch an die beiden Spiele des Entwicklerstudios Black Isle Studios erinnern können. Für alle die sich erinnern können, hat es sich das Entwicklerstudio Beamdog zur Aufgabe gemacht die größten Rollenspiel-Klassiker zurück zu bringen.

Nun kann man die Veröffentlichung der Neuauflagen auf den Konsolen Playstation 4, Xbox One und der Switch nicht wirklich als Brandneu bezeichnen, denn bereits 2014 wurden die Plattformen Windows, Mac, Linux, iOS und Android mit der “Icewind Dale: Enhanced Edition” versorgt und auch die Enhanced Edition von “Planescape: Torment” hatte ihr Debüt im Jahr 2017 auf den genannten Plattformen. Ob es sich bei der Neuveröffentlichung der beiden Titel nur um einen simplen Port handelt oder doch etwas mehr Hand angelegt wurde, klären wir in diesem Test.

In “Icewind Dale” werden die Spieler in die vergessenen Reiche der Balduar´s Gate Spielwelt entführt. Die Handlung ereignet sich in der Region des Eiswindtales, dem Machtbereich der sogenannten Zehnstädte. Die Spieler treten ihr Abenteuer im Fischerdorf Osthafen an. So schließt sich die Heldengruppe einer Expedition nach Kuldahar an. Seit einiger Zeit leidet die Ortschaft unter der Schwächung ihrer magischen Eiche und zu allem Überfluss häufen sich die Angriffe durch Monster. Dementsprechend sucht man in Kuldahar Hilfe in den umliegenden Städten. Auf dem Weg nach Kuldahar geraten die Heldentruppe sowie die begleitende Karawane in einen Hinterhalt und nur die Heldentruppe schafft es lebend zu entkommen. Der Spieler muss nun die Hintergründe der Monsterangriffe aufdecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Das Abenteuer führt den Spieler durch zahlreiche Gebiete des Eiswindtales, unter anderem das Tal der Schatten, die alte Elfenfeste der Abgetrennten Hand, das Drachenauge und die unterirdische Zwergenstadt Dorntief.

“Planescape: Torment” hingegen entführt euch in das Multiversum, wo alle Dungeons & Dragons Welten miteinander in Einklang existieren können. So sind die unterschiedlichen Welten, auch Ebenen genannt, über magische Portale miteinander verbunden und können mit diesen bereist werden. Die Handlung setzt mit dem Erwachen des namenlosen Helden in der Leichenhalle von Sigil ein. Leider leidet der namenlose Held an Amnesie und weiß weder seinen Namen noch die Umstände, die ihn in die Leichenhalle von Sigil beförderten. Direkt nach dem Erwachen begegnet unser Held Morte, einem schwebenden Totenschädel, welcher dem Spieler erste Informationen liefert. So stellt sich schnell heraus, dass der Namenlose unsterblich ist. Jedes Ableben des Helden geht mit dem Gedächtnisverlust einher. Scheinbar hat der Namenlose Held bereits zahlreiche “Tode” in seinem Leben erfahren, denn sein gesamter Körper ist gezeichnet von Narben. Darüber hinaus sind Schriftzeichen in seine Haut eingeritzt, die ihn instruieren, sein Tagebuch zu lesen und jemanden namens Pharod ausfindig zu machen. Mit diesem Hinweis beginnt der Spieler seine Suche nach der Identität des namenlosen Helden und wird mit der ein oder anderen philosophischen Frage konfrontiert.

Zwei Rollenspiel-Extreme in einem Paket

Sowohl Planescape: Torment als auch Icewind Dale basieren auf dem Rollenspiel-Regelwerk von Advanced Dungeons & Dragons (kurz AD&D). Um das komplexe Sammelsurium an Regeln abzudecken erschuf Bioware die sogenannte Infinity Engine, welche erstmals 1998 im Rollenspiel-Klassiker Baldur’s Gate zum Einsatz kam. Dieses deckt alle Facetten eines Rollenspielsystems ab, von den nötigen Schritten zur Erschaffung eines Charakters bis zur bekannten Würfelmechanik mit dem zwanzigseitigen Würfel. Viele dieser Mechaniken werden jedoch im Hintergrund ausgeführt, sodass die Spieler nichts davon mitbekommen. Bei jeder größeren Aktion eines Charakters würfelt das Spiel im Hintergrund einen oder mehrere virtuelle Würfel, deren Werte mit euren Fertigkeiten oder Attributen zusammengezählt werden und so über den Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Wer sich nun für diese Rollenspiel-Sammlung entscheidet, muss sich bewusst sein, dass hier zwei Rollenspiel-Extreme geboten werden. Während die Baldur‘s Gate-Reihe eine epische und tiefgründige Story zu bieten hatte und gelichzeitig mit anspruchsvollen Kämpfen daher kam, schlagen die beiden Titel ganz individuell in die ein oder andere Richtung aus. Während Planescape: Torment sich vor allem auf eine tiefgründige Geschichte konzentriert und die Kämpfe vernachlässigt, konzentriert man sich Icewind Dale auf taktische Kämpfe, die eine Herausforderung bieten und die Story ist nur hübsches Beiwerk.

Icewind Dale

Noch bevor ihr euch in euer Abenteuer ins Eiswindtal begeben könnt, müsst ihr euch der Herausforderung der Charaktererstellung stellen. Anders als in anderen Rollenspielen gilt es bei Icewind Dale gleich eine ganze Heldengruppe von sechs Mitgliedern zu kreieren. Und gerade hier solltet ihr euch viel Zeit lassen und versuchen eine Gruppe zu erstellen, die auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet ist. Wer unüberlegt vorgeht und seine Gruppe größtenteils mit Kriegern oder anderen einseitigen Klassen abdeckt, der wird schnell in den Kämpfen untergehen. Stattdessen muss man vielfältig sein und auf unterschiedliche Klassen setzen, doch da diese breit gefächert sind, wird man vor eine nicht unterschätzende Aufgabe gestellt. Neben den Hybridklassen stehen euch insgesamt elf unterschiedliche Charakterklassen zur Wahl.

Jede Klasse bietet dabei seine individuellen Vor- sowie Nachteile und man sollte seinen Spielstil direkt festlegen. Entscheidet ihr euch im Nahkampf für den obligatorischen Kämpfer, der am meisten Schaden austeilen kann oder soll eure Gruppe doch lieber der Barbar unterstützen, der um einiges schneller agiert und dank Kampfrausch verhindert von Magiern beeinflusst zu werden. Und wer soll die Gruppe im Ernstfall heilen? Der Kleriker, der zwar über die mächtigsten Heilzauber im Spiel verfügt, aber bei dem es um die Offensivzauber weniger gut steht? Oder doch lieber den Druiden, der neben Heilzaubern sich zudem in seine Tiergestalt verwandeln kann, um ordentlich auszuteilen? Doch nicht nur die Kämpfe sind entscheidend, für die Gesprächsführung mit Händlern und Questgebern ist es vom Vorteil einen charismatischen Charakter wie den Barden oder den Mönch in der Gruppe zu haben und der Dieb sollte ebenfalls in keiner Gruppe fehlen, da nur diese Klasse in der Lage ist Fallen zu entdecken und zu entschärfen. Zudem kann der Dieb auch Schlösser knacken, um verschlossene Türen zu öffnen oder auch Truhen voller Schätze. Ihr merkt schon, hier habt ihr die Qual der Wahl. Wer es sich jedoch ganz einfach machen möchte, kann sich auch für eine vorgefertigte Truppe entscheiden, doch damit geht einiges an Individualität verloren und ihr setzt euch zu wenig mit den Vor- sowie Nachteilen der unterschiedlichen Klassen auseinander, was später im Kampf zum Problem werden könnte.

Spätestens nach den ersten Scharmützeln im Spiel, die relativ schnell und häufig vorkommen, kommt man nicht Drumherum sich mit den Stärken und Schwächen der einzelnen Helden auseinanderzusetzen. Wer nicht jede Aktion selbst bestimmt, wird im Laufe des Abenteuers an seine Grenzen stoßen. Natürlich kann man auch die künstliche Intelligenz für sich agieren lassen, was vor allem zu Beginn des Abenteuers richtig gut funktioniert, doch in späteren Kämpfen trefft ihr auf spezielle Feinde, die über bestimmte Resistenzen, Immunitäten sowie besonderen Stärken und Schwächen verfügen und an der sich die künstliche Intelligenz die Zähne ausbeißen wird. Setzt euch am besten von Anfang an mit dem Kampfsystem auseinander. Lernt sowohl Schwächen als auch Stärken eurer Helden sowie Gegner kennen und beherrscht so das Schlachtfeld, damit vermeidet ihr Frustmomente gegen Ende des Spiels.

Da die Handlung sich nicht um einen einzelnen Helden dreht, sondern direkt eine Heldentruppe in den Fokus rückt, bleiben die Interaktionen unter den Charakteren auf der Strecke. Dementsprechend wird man nach Romanzen vergebens suchen. Umso taktischer sind die Kämpfe geworden. Wie in jedem Rollenspiel erhaltet ihr für erledigte Gegner sowie Quests Erfahrungspunkte. Habt ihr genug Erfahrungspunkte beisammen, steigen eure Helden im Level auf und können neue Fertigkeiten, Zaubersprüche oder Fähigkeiten erlangen. Zudem lassen sich alle vier Stufen eines der Attribute erhöhen, was sich sogar auf ganze Fertigkeitsbäume auswirken kann. Von Level 1 bis Level 15 erlangt ihr auf diese Weise Schritt für Schritt die mächtigsten Zauber und Angriffe, um die größten Feinde in die Flucht schlagen zu können.

Planescape: Torment

Bietet euch Icewind Dale zu wenig Story und zu viel Taktik? Dann versucht euch in Planescape: Torment. In diesem Rollenspiel steht die tiefgründige Geschichte im Vordergrund, die Kämpfe sind von seltener Natur und weniger fordernd. Daher wird der Titel von vielen Fans auch als ein gutes interaktives Buch betrachtet. Ihr werdet nicht drum herum kommen viel zu lesen. Die Dialoge, welche zwischen dem Namenlosen sowie seinen Gefährten, seiner Umwelt und auch mit den Widersachern entstehen, fallen größtenteils sehr lang und detailliert aus. Und genau das ist die größte Stärke des Titels. Die auf Romanniveau ausformulierten Beschreibungen der Umwelt sowie Dialoge erreichen eine Anziehungskraft, die kaum ein Titel vorzuweisen hat. Das muss man aber auch mögen, denn wenn man die Textpassagen permanent wegdrückt, versteht man nur noch Bahnhof und der Frust bleibt nicht aus.

Dementsprechend können wir Planescape: Torment nur Spielern empfehlen, die stundenlang mit Begeisterung Lesen können und sich gerne in fremde Welten entführen lassen. Darüber hinaus werden die Spieler kaum an die Hand genommen. Zwar bekommt man mitgeteilt, dass man nach einem Mann namens Pharod suchen muss, doch die Stadt Sigil gestaltet sich relativ groß und die potentiellen Gesprächspartner sind sehr zahlreich, sodass man sehr viele Gespräche führen muss, ehe man den Hauch eines Hinweises erhält.

Anders als noch bei Icewind Dale müsst ihr euch um das Aussehen, die Rasse oder auch die Klasse eures Charakters gar keinen Kopf machen, denn der Namenlose ist ein vordefinierter Charakter. Ihr habt lediglich Einfluss auf die Attribute Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution, Intelligenz, Weisheit sowie Charisma und könnt zu Beginn des Abenteuers einige Punkte darin investieren. Ihr startet mit der Klasse des Kriegers und erhaltet erst im späteren Verlauf des Abenteuers die Gelegenheit euch zum Magier oder Dieb weiter ausbilden zu lassen. Statt jedoch wie in anderen Rollenspielen auf die Attribute Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution zu setzen, um in Kämpfen die Nase vorn zu haben, ist es in Planescape: Torment durchaus erfolgsversprechend seine hart verdienten Punkte in die Attribute Intelligenz, Weisheit sowie Charisma zu setzen. Denn je intelligenter, wortgewandter oder weiser der Namenlose ist, desto mehr Dialogoptionen ergeben sich in den einzelnen Gesprächen und in den meisten Fällen wird eine gewaltsame Konfrontation umgangen. Somit kommt der pazifistische Spielstil all jenen zu Gute, die mit dem Kampfsystem nicht warm werden können.

Leider können Kämpfe nicht komplett umgangen werden, sodass ihr euch auch mit dem Kampfsystem auseinandersetzen müsst. Dieses fällt zum Glück nicht ganz so umfangreich und taktisch aus, wie in den anderen Titeln. In den Kämpfen teilt man den Gruppenmitgliedern unterschiedliche Angriffe zu, die dann ausgeführt werden und das Würfelglück entscheidet letztendlich über Sieg oder Niederlage. Damit die ganze Angelegenheit nicht zu hektisch wird, habt ihr jederzeit die Möglichkeit, das Kampfgeschehen zu pausieren und euren Gefährten in aller Ruhe neue Anweisungen zu geben. Zudem wird das Konzept des unsterblichen Helden auch Gameplay-technisch klug umgesetzt. Solltet ihr in einem Gefecht euren Feinden unterliegen, dann stirbt der namenlose Held nichts, sondern wacht stattdessen an einem festgelegten Ort wieder auf. Lediglich eure Begleiter bleiben vorerst tot und müssen mit einer besonderen Fähigkeit des Namenlosen wiederbelebt werden, anders wäre das Spiel nicht mehr zu bewältigen gewesen.

Fazit

Abschließend lässt sich nur folgendes sagen. Die Spielesammlung “Planescape: Torment und Icewind Dale: Enhanced Edition” richtet sich vor allem an Fans, die bereits vor 20 Jahren mit den Titeln in Berührung gekommen sind. Zwar haben die Entwickler von Beamdog einige Komfortfunktionen integriert und die Steuerung an moderne Eingabegeräte angepasst, doch bleiben es im Kern die alten Spiele von damals. Grafisch hat sich nicht viel verändert und dementsprechend schlecht sehen die Titel auch auf der Switch aus. Beamdog hat lediglich die Auflösung erhöht und die Texturen aufgehübscht, doch das reicht bei weitem nicht aus, um diese Titel im neuen Glanz erstrahlen zu lassen.

Demnach kann ich mir gut vorstellen, dass Neulinge nur schwer in den Bann der Titel gezogen werden können. Wer sich jedoch darauf einlässt erlebt mit “Planescape: Torment” eine der spannendsten und zugleich intelligentesten Story der Videospielgeschichte und mit “Icewind Dale” erlebt man spannend, taktische Kämpfe, die alle Facetten des Kampfsystems ausnutzen. Wer sich in Icewind Dale nicht mit den Vor- und Nachteilen seiner Charaktere befasst, wird schnell untergehen und den Abspann nicht erleben. Am heutigen Maßstab gemessen können wir beiden Titeln nur folgende Wertungen verpassen:

Planescape: Torment: 7

Icewind Dale: 6

 

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